Fabians Logbuch
 
Zum Start der Eintragungen
 
 
34. Reise zu den Sternen

Diesmal war mein Kater Mikesch mit von der Partie – ob gewollt oder unabsichtlich, weiss ich nicht.
Ich stand auf der Brücke des Raumkatamarans. Mikesch strolchte an allem schnuppernd über die Instrumententische. Korina stand am Ruder und grinste über beide Ohren, sofern man die rudimentären Läppchen auf beiden Seiten seines Kopfes als Ohren bezeichnen konnte. Auch Käpten Balain und Navigator Lone hatten den Plausch am Kater. Balain versuchte die Katze zu fangen, was ihm natürlich nicht gelang. Mikesch ging bei Leuten, die er nicht kannte, auf sichere Distanz.
Während Mikesch mutig durch die Gänge des Raumschiffs schlich, näherten wir uns einem weissen Planeten. Der Raumkatamaran landete nicht wie üblich senkrecht auf dem Boden, sondern setzte mit grosser Geschwindigkeit auf dem Schnee oder Eis auf. Das Schiff schlitterte mindestens noch eine Viertelstunde antriebslos über die Ebene. Balain, Korina und Lone waren aufgeregt wie kleine Kinder und wechselten sich am Ruder ab. Jeder wollte den „Kahn“, wie sie zu sagen pflegten, selbst über die Eisfläche steuern und die Kräfte spüren, die auf das Schiff wirkten. Dann, als der Katamaran fast still stand, setzte der Kapitän den Maschinentelegraphen auf „langsam voraus“. Das Schiff nahm wieder kontrolliert Fahrt auf.
„Wir peilen eine ganz bestimmte Stelle an“, erklärte mir Balain geheimnisvoll. „Wir haben dort etwas entdeckt, was für die Zukunft dieses Planeten von grosser Bedeutung ist ...“
Inzwischen hatte sich Mikesch an die neue Situation gewöhnt. Er strich mir um die Beine und erwischte gelegentlich – ohne es zu merken – diejenigen von Korina, der am Ruder stand und sich vom seltsamen Verhalten dieses Tieres nicht stören liess.
Nach einer Weile hielt das Schiff an. Wir zogen uns warm an, setzten Sonnenbrillen auf und stiegen die Gangway hinunter. Mit dabei war Kater Mikesch und – nach einem leisen Zischen – Diala! „Das möchte ich nicht verpassen“, sagte sie und lächelte mir zu. Ich freute mich überschwänglich, dass sie wieder einmal dabei war und umarmte sie. Fast hätte ich sie geküsst, aber ich hatte das Gefühl, als wären mir die Lippen zugefroren, seit wir den Eisplaneten betreten hatten. Ich schaute mich um: weit und breit nichts als Eis und Schnee. In der Ferne ragten weisse Bergzacken gegen den schwarzblauen Himmel.
„Da vorne ist es“, hörte ich Lone sagen. Er zeigte in Richtung der Berge. Die drei Gandoi setzten sich in Bewegung. Ihnen und meinem Kater in seinem dicken Fell schien die Kälte nichts auszumachen. Mit Diala an meiner Seite war mir wenigstens ums Herz etwas wärmer. Wir folgten unseren Freunden.
Keine hundert Meter hatten wir auf dem Eis zurückgelegt, als wir an eine Stelle kamen, wo sich kantige Gebilde aus dem Schnee erhoben. Wenn mich nicht alles täuschte, lagen hier die vereisten Überreste eines ovalen Gebäudes. In der Mitte des Ovals ragte etwas aus dem
Eis heraus. Es sah aus wie eine skelettierte Hand, die sich der Sonne entgegenstreckte ..!
Lone kniete nieder und fuhr sanft über die Skeletthand, die sich bei näherem Hinsehen als Ast mit Zweigen entpuppte, an deren Enden Knospen wuchsen. Mikesch schnupperte daran.
Eine Pflanze, mitten in einer Eiswüste?!
„Wie wir von unseren Vorfahren wissen“, vernahm ich Balain, der mich direkt ansah, „war dieser Planet einst so belebt wie eure Erde. Die dominierenden Wesen waren hitzköpfige Völker, die sich endlos bekämpften und den blühenden Planeten zur Hölle machten. In Tausenden von Jahren schafften sie es nicht, aus ihrem hausgemachten Chaos herauszukommen. Sie blieben in ihrer Entwicklung stehen. Ihre Glut für das gegenseitige Abschlachten verlangte nach einer Abkühlung. Und so geschah es, dass sich der Planet innert weniger Jahrzehnte einen Eispanzer zulegte und alles Leben einfror.“
Bei diesen Worten blitzte mir der Gedanken auf, wie kalt es zwischen den Menschen auf unserem Planeten in den vergangenen 30, 40 Jahren geworden war, und wie rasch sich unser Planet seither aufgeheizt hatte ...
Balains Stimme übertönte meine Gedanken: „Als wir diesen Planeten das letzte Mal anflogen, – nach deiner Zeitrechnung etwa vor drei Jahren – war das Eis an dieser Stelle noch so dick, wie unser Schiff hoch ist. Und nun erleben wir die Rückkehr des Lebens. Hier wird sich schon bald das erste eisfreie Gebiet bilden.“
Während sich die Besatzung des Katamarans nach weiteren Lebenszeichen umsah, deutete Diala auf das ovale Gebilde im Eis und sagte:
„Sieh dir die Form an: vorne ist das Ding spitz und hinten ist es abgerundet. Sieht doch aus ...“
... "wie ein Schiff!“, rief ich aus. „Du hast recht, das ist ein Schiff ..!“
Ich begann mit blossen Händen das Eis vom spitzen Ende des Objekts abzuschlagen, als Lone auftauchte und fragte, ob er helfen könne. Ich bejahte, und Lone zog ein Gerät aus der Tasche, das aussah wie ein Mobiltelefon. Er richtete das Gerät auf das spitze Objekt und drückte eine Taste. Nach einigen Augenblicken begann das Eis zu schmelzen, und tatsächlich: Ein hölzerner, mit Ornamenten verzierter Bug kam zum Vorschein. Inzwischen waren auch Balain und Korina hinzugekommen und staunten über die Entdeckung.
„Dieser Planet war einst ein Paradies mit vielen Meeren, Seen und Wäldern“, vernahmen wir von Balain. „Unsere Vorfahren kamen nicht ohne Grund oft und gerne auf diesen Planeten picknicken.“
Ich schien Käpten Balain ziemlich bekloppt anzuschauen, und auch Diala kam mir vor wie ein grosses Fragezeichen.
„Sie benützten Frequenzumwandler, damit sie nicht gesehen wurden“, versuchte Lone zu erklären. „Das sind Geräte, mit denen wir lokale Frequenzinseln erzeugen, die uns scheinbar unsichtbar machen. Wir brauchen sie auch auf der Erde.“ Er schmunzelte. „Wenn wir dich holen, wollen wir ja nicht gleich das ganze Dorf in Aufruhr versetzen.“
„Das mit dem Frequenzumwandler leuchtet mir ja noch ein“, antwortete ich und konnte ein Lachen nicht verkneifen, „aber ein Picknick auf einem Planeten, der Lichtjahre entfernt ist, das finde ich schon etwas krass.“
Und diesmal waren es die drei Gandoi, die etwas unbeholfen dreinblickten.

Als ich erwachte, kroch gerade Mikesch unter der Decke hervor. Anscheinend hatte ihm die Kälte auf dem Eisplaneten auch zugesetzt. Auf jeden Fall war es noch nie vorgekommen, dass sich mein Kater zum Schlafen unter die Bettdecke verkrochen hatte.

33. Reise zu den Sternen

Anscheinend konnte auch Diala nicht immer gerade das tun, was sie wollte. Jedenfalls war sie bei der folgenden Reise nicht dabei.
„Wo geht es diesmal hin?“, fragte ich Lone. Er blickte auf seinen Bildschirm, auf welchem lauter Striche und Punkte zu sehen waren. „Amina“, antwortete Lone schlicht und drückte einige Tasten, worauf der Bildschirm einen grünen Planeten zeigte. „Du solltest ihn eigentlich kennen ...“, übermittelte mir Lone, dabei schienen seine Augen zu lächeln. Ich schaute auf den Bildschirm und zuckte mit den Achseln. Lone schmunzelte und kümmerte sich wieder um seinen Job. Ich ging in die Kombüse. Der Roboter – er glich Brad Pitt tatsächlich aufs Haar – grinste frech, als er mich sah.
„Bananenshake – wie üblich?“, fragte er.
Ich nickte, und schon begann er zu surren. Er erhöhte seine Arbeitsgeschwindigkeit um ein Mehrfaches, und ehe ich mich an die Bar gesetzt hatte, war der Shake fertig. Das Getränk war kühl, fruchtig, süss – einfach himmlisch.
Plötzlich sass Käpten Balain neben mir. Er bestellte ein Getränk, das aussah wie Bier.
„Es ist Bier“, gab er mir zu verstehen. „So etwas gibt es auf Wengan nicht. Wohl deshalb habe ich es besonders gern.“
Ich benützte die Gelegenheit, um Balain zu fragen, ob die Gandoi die Maya-Bibliothek wieder auf die Erde bringen werden.
„Es ist so vorgesehen. Wir warten nur auf den richtigen Zeitpunkt.“
„Und wann ist der richtige Zeitpunkt?“
„Dann, wenn genügend Menschen offen sind für eine andere Sicht der Dinge.“
„Das kann ja noch dauern“, seufzte ich.
„Durchaus“, antwortete er stumm. Damit war die Sache besprochen. Ich wechselte das Thema und wollte wissen, wo der Planet „Amina“ liege, den Lone erwähnt hatte.
„Amina liegt gleich um die Ecke. Er wird von der gleichen Sonne erwärmt wie die Erde und ist bewohnt ...“
Über diese Aussage war ich natürlich sehr erstaunt, denn unser Sonnensystem war soweit erforscht, dass ausserirdisches Leben ausgeschlossen werden konnte – zumindest in humanoider Form.
„Weshalb haben unsere Astronomen nicht entdeckt, dass einer unserer Planeten bewohnt ist?“, fragte ich Balain.
„Weil dieser Planet in einer andern Frequenz denkt als die Erde. Man muss sich auf die jeweilige Gedankenwelt einstellen, dann wird aus einem Wüstenplanet eine Oase ... – Korina teilt mir übrigens gerade mit, dass wir ankommen.“
Gespannt folgte ich Balain auf die Kommandobrücke. Er setzte sich in seinen Sessel und verfolgte das Landemanöver über den Grossmonitor.

Von wegen Wüstenplanet: Wir gingen zwischen schulterhohen Gräsern und riesigen schlanken Bäumen hindurch. Der Boden bestand aus grünem weichen Sand.
Wir trafen auf Wesen in Menschengrösse, die sich schwebend fortbewegten. Ihre Körper waren so feinstofflich, dass man durch sie hindurchsah. Sie waren nackt, hatten aber keine geschlechtsspezifischen Merkmale. Sie hatten auch keine Beine, sondern endeten in einer nach hinten gebogenen zugespitzten Form.
Ich kam mir vor wie in einem riesigen Aquarium inmitten von Grünzeug, umgeben von überdimensionierten „Seepferdchen“, von sehr anmutigen Geschöpfen übrigens. Ihre Gesichter ähnelten denjenigen junger Frauen – und alle waren sie blond ...
Die Wesen konnten uns nicht sehen. Balain gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Wir gingen auf ein „Seepferdchen“ zu, dass vor uns am Boden lag und sich krümmte – wie es schien, vor Schmerz. Ich wollte mich eben zu ihm niederknien, als mich Balain zurückhielt.
„Schau ..!“
Ein zweites und drittes Wesen kamen herangeschwebt und begannen, dem Kranken über die Haare und das Gesicht zu streicheln. Nach einiger Zeit begann sich das Gesicht des kranken Wesens aufzuhellen. Es lächelte und fing an zu leuchten – zuerst nur ganz wenig, dann immer mehr. Die goldgelben Strahlen strömten schliesslich aus seinem Körper und dehnten sich auf alle Seiten gleichmässig aus. Als uns das Licht erreichte, spürte ich eine Woge des Glücks durch mich hindurchgleiten. In diesem Moment fühlte ich, dass diese Wesen ein Teil von mir waren; sie waren nichts Fremdes, nichts Ausserirdisches. Es verstärkte ein Gefühl in mir, dass mich in der letzten Zeit mehr oder weniger intensiv begleitete, ein wohliger Einklang mit meiner Umgebung: Wenn ich eine Blume betrachtete oder einen Baum, eine Katze, einen Hund oder einen Menschen, dann drängte es mich, sie zu berühren, zu streicheln, um dann festzustellen, dass ich mich eigentlich selbst berührte und streichelte. Es war mir, als ob alles, oder doch wenigstens vieles, ich selbst wäre! Die Worte meines alten Freundes Hubert, des verstorbenen Astronomen, kamen mir in den Sinn: „Im ganzen Universum atmet ein Geist: wir selbst!“ In diesem Augenblick dehnte ich mich unendlich aus und glaubte, überall gleichzeitig zu sein. Doch dieser zeitlose Zustand dauerte gerade mal eine Sekunde, und schon quetschte es mich wieder in den engen Körper zurück.
Ich erwachte. Das Gefühl der Weite war verschwunden. Meine nackten Füsse ragten unter der Decke hervor. Sie fühlten sich an wie tiefgefroren. Ich zog sie fest an mich und schlief wieder ein.

Zwischenhalt

Es war Samstagnachmittag. Ich sass im Atelier am Computer, als ich plötzlich ein Zischen vernahm. Das konnte nur eines bedeuten: Diala – am helllichten Tag?
Es klopfte. Als ich die Tür aufmachte, stand sie tatsächlich vor mir. Sie strahlte, und ich noch viel mehr!
„Du besuchst mich? Wie in alten Tagen? – Komm herein!“
Diala trat ins Atelier. Wie selbstverständlich nahmen wir uns in die Arme und blieben umschlungen, während uns Mikesch, der sich sonst vor fremden Leuten versteckte, um die Beine strich und uns büschelweise Haare „schenkte“.
Nach einer Weile sagte Diala: „Du suchst im Internet nach dem Begriff ‚Herz des Himmels’, nicht?“
Ich bejahte.
„Der Begriff `Herz des Himmels`“, sagte Diala, „stammt aus dem Popol Vuh, aus der Schöpfungsgeschichte der Quiché. Die Quiché sind ein Maya-Volk, das die zerklüfteten Bergregionen der Provinz Chiapas, des südlichen Guatemala und des angrenzenden Honduras bewohnt. Ich arbeite öfters in diesem Gebiet. Wenn dich die Sache wirklich interessiert, kenne ich jemanden, der dir mehr darüber erzählen kann.“
Erwartungsvoll schaute sie mich an.
Ich brauchte nicht zu antworten, schon zischte es, und wir befanden uns auf der Felsenterrasse oberhalb der Kristallhöhle, wo Diala wohnte*.
„Schön, wieder einmal hier zu sein“, sagte ich und sah im gleichen Moment eine ältere, eher dunkelhäutige Frau mit langen schwarzen Haaren am Tisch sitzen.
„Das ist Angelina, eine Quiché-Maya. Sie kommt aus Guatemala.“
„Hola, Fabian, sagte sie, Diala hat mir viel von dir erzählt, und ich erzähle dir jetzt etwas von uns, den Maya, und von der Botschaft des Herz des Himmels.“
Diala und ich setzten uns zu ihr an den Tisch.
„Das Corazon des Himmels“, begann Angelina, „ist das Herz allen Seins: Aus ihm heraus ist alles entstanden, zu ihm kehrt alles zurück. Die Schöpfungsgeschichte im Popol Vuh erzählt uns, dass sich aus dem Herz des Himmels zunächst die Tiere formten, die der Erde bis heute erhalten geblieben sind, dann bildeten sich die Ton- und später die Holzmenschen heraus. Beide Geschlechter zeigten sich an ihrer Schöpfung nicht interessiert. Sie waren schlecht für den Zweck ihrer Aufgabe ausgerüstet, sich höher zu entwickeln. Deshalb wurden diese Geschlechter zerstört. Erst die vierte Schöpfung, die Maismenschen, waren ausgereifte Wesen. Diese Maismenschen waren hellsichtig. Sie nahmen alles gleichzeitig wahr und hatten Einsicht in die entlegensten Winkel des Universums. Bald kannten sie alles und begannen sich zu langweilen. Ihnen fehlte die Motivation, um geistig zu wachsen. Deshalb warf das Herz des Himmels einen Schleier über ihre Augen, was ihnen die Sehkraft nahm. Fortan konnten die Maismenschen nur noch Dinge in ihrer Nähe erkennen, materielle Dinge. Gleichzeitig erhielten sie die Dualität als Instrument, um neue Spielformen des Lebens auszuprobieren: Sie trennten sich in Mann und Frau. Daraus entstand die Vielfalt der Völker. Mit der Trennung der Einheit ging aber im Laufe der Zeit die Verbindung zur Schöpferkraft beinahe verloren. Die Botschaft des Herz des Himmels soll die Menschen an die alles umfassende Schöpferkraft erinnern, die damit als Ganzes eine weitere Stufe höher gelangen kann.“
Sie machte eine kleine Pause und ergänzte: „Wenn sich ein Menschengeschlecht spirituell nicht mehr entwickelt, dann wird es nutzlos für das Universum, denn das Universum möchte sich stets weiterentwickeln. Mensch und All sind eins.“
Ich fragte, wo wir heute stehen würden.
„Unsere Schöpfungsgeschichte sagt, dass die Erdbewohner die ganze Sehkraft wieder erlangen werden und das Universum und sich selbst erkennen werden. Wenn ich die Zeichen richtig deute, sind wir auf dem Weg.“

Es war still geworden auf der Felsenterrasse. Diala dankte Angelina dafür, dass sie ihr Wissen mit uns teilte. Dan sagte sie: „Angelina erwähnte, dass das Herz des Himmels einen Schleier über die Augen der Maismenschen warf. Seither können sie nur noch materielle Dinge erkennen. Die Maya heissen nicht zufällig Maya. In den vedischen Schriften Indiens steht geschrieben, dass alles Sichtbare für die Menschen einen unwirklichen trügerischen Schleier trage, der die Einheit in viele Einzelteile spalte und so den Anschein erwecke, alles existiere getrennt voneinander. Dieser Schleier wird dort Maya genannt ... Immer wieder haben in Indien geistig hoch entwickelte Yogis dazu aufgerufen, den Schleier der Maya zu entfernen und damit die Geheimnisse der Schöpfung zu entdecken. Die Dualität zu überwinden und die Einheit allen Seins zu erkennen, ist für sie das höchste Ziel der Menschen. Es ist dieselbe Botschaft, wie diejenige im Popol Vuh, nämlich, das grosse Eine – das Herz des Himmels – wieder zu erkennen.
„Es verwundert mich nicht“, sagte Angelina, „dass sich die alten Völker ähnliche Schöpfungsgeschichten erzählen, denn die Urvölker haben sich auf der ganzen Erde verteilt – freiwillig oder notgedrungen. Im Cilam Balam, einer Sammlung von Daten über Geschichte, Astronomie, Mathematik und Medizin der Maya, wird zum Beispiel von einer grossen Katastrophe berichtet, die sich im Osten zugetragen haben soll. Von dort, genauer von einem versunkenen Land namens Aztlan, sollen unsere Ahnen herstammen.“
„Das erinnert mich an den grossen Heiler und Seher, Edgar Cayce, der in den USA zu Zeiten der Weltkriege lebte“, fügte Diala bei. „Er hatte gesagt, dass die Maya Nachfahren des im Nordatlantik versunkenen Kontinents Atlantis waren. Flüchtlinge dieses vom Meer verschlungenen Landes seien sowohl in das Gebiet des heutigen Ägypten als auch in jenes Mittelamerikas eingewandert. Deshalb die bauähnlichen Pyramiden in Ägypten und in Zentralamerika. – Übrigens“, ergänzte Diala, „Cayce sagte auch, dass die Beweise für seine Angaben in Form von Dokumenten existieren und noch gefunden werden.“
Ich dachte an die verborgene Maya-Bibliothek auf Wengan.

Als Angelina verschwunden war, hatte ich Gelegenheit, Diala ein paar Fragen zu stellen, die schon lange auf meiner Zunge brannten. Denn, obwohl Diala ihre Zischkünste noch immer beherrschte, war sie nicht mehr dieselbe, wie damals in ihrer Kristallhöhle. Sie hatte sich verändert. Damals konnte ich sie alles fragen, was ich wollte. Sie hatte immer eine Antwort parat und wusste stets Bescheid. Seit ich sie im All wiedergetroffen hatte, kam es mir gelegentlich vor, als ob sie vieles vergessen hätte, was sie einst wie selbstverständlich wusste. Als ich sie darauf ansprach, sagte sie zu meinem grossen Erstaunen:
„Du hast recht, ich bin keine Vollblutfee mehr. Nachdem ich das Feenland verlassen hatte, begleitete ich wieder jahrelang Menschen auf der ganzen Erde. Es gibt so viele Menschen, die mich brauchen. Ihre Sorgen und Nöte haben mich schwerer gemacht. Ich habe dadurch an Weitsicht, an Durchblick verloren und bin träger geworden. Das gefällt mir nicht.
„Ich werde versuchen, dich auf möglichst vielen Sternenreisen zu begleiten.“ Sie grinste. „So komme ich etwas im Kosmos herum.“

* siehe Buch "Diala"
32. Reise zu den Sternen

In der kommenden Nacht fand ich mich dort wieder, wo die letzte Reise abgebrochen war: auf Wengan. Diala, die Familie meiner Freunde vom Raumkatamaran und ich sassen am Rande eines grossen Teichs im Schatten von grossgewachsenen Palmen, die sich sanft im Wind wiegten. Es wurde ein Fest gefeiert. Wenn ich es richtig verstand, ging es dabei um die Geburt eines Kindes. Und wirklich, nach einer Weile erschien Korina mit seiner Partnerin, die ein winziges Kind auf den Armen trug. Mir viel auf, dass im Gegensatz zu den Kindern keine der Erwachsenen gemischte Wasser- und Landwesen waren. Lone klärte mich auf, dass sich die Kinder von Wengan entweder zu Wendoi oder zu Gandoi entwickeln würden. Die Entscheidung lag bei ihnen selbst und hing von ihren jeweiligen Neigungen ab. Es gab keinen Überhang bei einer der Arten, weil beide Lebensweisen ihren Reiz hatten.

Inzwischen war es Nacht geworden. Diala und ich verliessen das Fest und streunten schwatzend herum. Wir gelangten in einen Park. Vor einem Gebäude in Pyramidenform tummelten sich viele Gandoi. Einer von ihnen zeigte auf das Gebäude und lächelte. Diala und ich schauten uns an.
Ist wohl als Einladung gedacht“, sagte ich zu ihr.
„Finde ich auch“, meinte sie und ging auf die Pyramide zu.
Wir passierten das Haupttor und kamen in einen Innenhof. Dort stand eine haushohe Pilzskulptur, eine Art Regenschirm, von welchem rundherum Wasser herabstürzte und in einem grossen Teich landete.
„Kommt mir irgendwie bekannt vor“, sagte Diala.
Wir kamen an ein offenes Tor und gingen hinein. Vor uns lag eine grosse, hell beleuchtete Halle, in welcher grosse Gegenstände aus Stein ausgestellt waren.
„Sehr interessant“, raunte Diala. „Was da steht, sind Dinge aus der präkolumbischen Kultur Mexikos. Da! Der Aztekenkalender und der Opferstein.“
„Was?!“, entfuhr es mir. „Und wie kommen diese Dinge hierher ...?
„Das weiss ich auch nicht, Fabian. Aber wir werden es herausfinden.“
Diala deutete auf einen flachen kreisförmigen Stein, dessen Durchmesser etwa vier Meter betrug. Das mandalaförmige Relief zeigte in der Mitte ein affenartiges Gesicht.
„Das ist der Sonnengott“, sagte Diala. „Die Ornamente und Symbole, die ihn umranden, stellen die vier Welten dar. Nach Meinung der Azteken sind diese Welten der unsrigen vorausgegangen.“
Diala trat an den Stein heran und zeigte auf einzelne Figuren.
„Zuerst seien Jaguare erschienen, welche die Urtiere aufgefressen haben“, erklärte sie. „Dann soll ein Sturm gekommen sein, der alle Menschen dahingerafft habe. Die dritte Welt soll durch Feuer zerstört worden sein und die vierte durch eine Flut. Und die heutige Welt werde durch ein Erdbeben vernichtet.“
„Sagt der Kalender auch, wann das passieren soll?“
„Nein, zum Glück nicht.“
„Und hier“, Diala berührte eine Steinplatte, „liegt der grosse Opferstein, eine Altarplatte, auf welcher angeblich Menschen geopfert wurden.“
Fabian sah eine riesige runde Steinscheibe. Wie ein mit Figuren verzierter Käselaib lag sie auf einem Podest.
„Der grösste Teil der aztekischen Kultur wurde von den Spaniern zerstört“, fuhr sie fort. „Dieser Opferstein blieb jedoch unversehrt und wurde 1790 unter dem Zócalo, dem Hauptplatz in Mexiko Stadt, entdeckt. Ich bin sicher, dass dieser Stein hier das Original ist. Schau dir die wunderschönen gemeisselten Bilder an.“
Fabian bückte sich, um die Platte genauer anzusehen ...
In diesem Moment bewegte sich der Boden kurz und heftig. Ein dunkles Grollen ging durch das Gebäude. Noch ehe die beiden begriffen, dass soeben die Erde gebebt hatte, gab es einen Knall. Diala schrie auf. Hinter ihnen war eine grosse Steinfigur umgefallen. Als sie sich umdrehten, lagen mehrere Stücke der viele Jahrhunderte alten Figur am Boden ...
„Komm!“, rief ich, „wir müssen raus!“ „Das nächste Beben könnte stärker sein, schnell!“
Wir liefen zur Tür, durch den Gang, über den Innenhof vorbei am Regenschirm und hinaus auf den Vorplatz der Pyramide. Dort herrschte ein Durcheinander. Die Gandoi schauten sich ängstlich um. Einige hielten sich eng umschlungen. Andere beeilten sich, von diesem Ort wegzukommen.
Plötzlich stand Balain neben uns.
Ein leichter Schwefelgeruch lag in der Luft.
„Riecht ihr den Vulkan?“, vernahm ich seine Worte in mir. „Der letzte grosse Ausbruch liegt rund 1200 Jahre zurück. Kann sein, das es wieder einmal fällig ist.“ Er schaute nach oben. „Aber nicht in dieser Nacht; sie ist viel zu schön.“
Wir blickten zum Himmel. Der Nachthimmel war übersät mit Sternen.
Balain forderte uns auf, ihm zu folgen. Nach einigen Schritten bückte er sich, räumte ein paar Äste weg und verschwand in einem Loch im Boden. Wir folgten ihm. Eine Holztreppe führte zu einem Stollen, der mit Sparren abgestützt war. Nach einigen Schritten kamen wir an einen nach oben verjüngten Türrahmen aus Steinquadern. Dahinter folgte ein enger Tunnel. Diala konnte darin aufrecht gehen, Balain und ich mussten uns etwas bücken.
Ich ging hinter Diala und atmete schwer. Ich fühlte die Last von zehntausenden von Tonnen Erde auf mir. Zum Glück hatte Balain eine starke Lampe dabei, denn sonst wäre ich wohl meiner alten Platzangst zum Opfer gefallen. Balain schien meine Ängste zu spüren: „Der Tunnel ist nicht lang, dann wird es gemütlicher“, versuchte er mich zu beruhigen. „Gleich sind wir da.“
Der Korridor wurde breiter und höher. Schliesslich standen wir in einem geräumigen Raum. Balain leuchtete den Ort aus. Wir sahen eine Halle, die auf drei Seiten mit treppenartigen Sitzplätzen begrenzt war wie ein Amphitheater.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Der Bauweise nach ist es ein Gebäude der Maya“, sagte Diala. „Aber auf diesem Planeten?“
„Balain nickte. „Es ist eine Bibliothek mit den Schriften der Maya. Hier versteckten sie ihr Wissen, bevor ihre Kultur zertrümmert wurde.“
„Ja, aber wie kommt dieses Gebäude ...“
„Später ...“, sagte Balains Stimme in mir.
„Und wo sind die Schriften?“, wollte ich weiter wissen.
„Ich fürchte“, sagte Diala, “sie sind der Zerstörungswut des spanischen Bischofs Diego de Landa zum Opfer gefallen, der die Maya zum Christentum umerziehen wollte. 1562 liess dieser Diener Gottes fast das gesamte Schrifttum der Maya verbrennen, da sie seiner Meinung nach nur Aberglaube und Lügen des Teufels enthielten. Ganze vier handgeschriebene Manuskripte sind übriggeblieben.“
„So steht es zumindest geschrieben“, hörten wir von Balain, der die Stufen hochstieg und auf eine Stelle an der Wand zeigte, die etwas dunkler war als der übrige Stein. Er bat mich, die Lampe zu halten. Mit beiden Händen drückte er einen der Steinquader eine halbe Armlänge in die Wand. Im Licht der Lampe kam ein Geheimgang zum Vorschein. Darin versenkt lag ein Buch! Sorgfältig nahm Balain die Schrift aus seinem Grab und öffnete es. Zwischen den beiden Holzdeckeln kamen ungeschnittene Seiten hervor, was das Ganze wie eine Ziehharmonika aussehen liess.
„Ich verstehe überhaupt nichts mehr“, sagte ich zu Diala. Und ihr Ausdruck verriet mir, dass es ihr ähnlich ging. – So kannte ich die Fee gar nicht ...
„Setzen wir uns“, sagte Balain.
Als wir uns auf einer der Steinstufen niedergelassen hatten, sagte er: „Dank der Vorarbeit unserer Ahnen, ist es uns gelungen, einen Teil des Buches zu übersetzen.“
Diala war derart fasziniert von den beschrifteten Blättern, dass sie nicht zuhörte.
„Versuchst du zu übersetzen?“, fragte ich sie spasseshalber.
Sie reagierte zunächst nicht, bis ich die Frage wiederholte.
„Wie ...? Ob ich ...? Ja, natürlich. Ich versuche die Zeichen zu deuten.
„Du verstehst die Mayasprache ...?“, fragte ich nach.
„Die versteht niemand genau. Aber ich kenne die Bedeutung der meisten bekannten Zeichen.“
„Und?“
„Eines ist sicher“, sagte sie und schien darüber selbst erstaunt zu sein. „Es geht um eine Botschaft aus dem All ...“
Diala blickte zu Balain. Dieser nickte und öffnete das Buch.
„Was ich euch vorlese“, hörte ich seine Stimme in meinem Kopf, „ist ein Teil des Textes in diesem Buch, den wir folgendermassen ausgelegt haben:
Eines Nachts wird es beginnen: Die Menschen werden eigenartige Träume haben. In diesen Träumen ist die Botschaft des Herz des Himmels enthalten. Am Anfang werden nur wenige Menschen damit etwas anfangen können. Dann aber werden immer mehr verstehen, was sie sagt, denn andere Zeichen werden in dieser Zeit dazukommen: Zeichen auf der Erde und über der Erde. Nach einer Weile werden die Erdbewohner die ganze Sehkraft wieder erlangen und das Universum und sich selbst erkennen. Sie werden staunen. Dann werden sie beginnen, mit den Wesen anderer Sonnensysteme zu kommunizieren. Es wird ein reger Austausch von Gedanken und Worten geben. Diese Epoche wird Sternenzeitalter genannt, das Zeitalter der kosmischen Reife der Erdbewohner.“

Diala dachte nach. Sie sah Balain einen Augenblick schweigend an.
„Könnte das Jahr 2012 einen Zusammenhang mit dieser Weissagung haben ..?“, fragte sie schliesslich.
Balain nickte.
„Wovon ist die Rede?“, fragte ich.
„Wie die Azteken“, begann Diala, „waren auch die Maya der Auffassung, dass es mehrere Schöpfungen und mehrere Weltzerstörungen gegeben hat. Sie gingen davon aus, in der fünften Schöpfungsära zu leben. Sie glaubten, dass diese Ära im Jahr 3113 vor Christus begonnen habe und im Jahre 2012 nach unserer Zeitrechnung enden würde. Es könnte also durchaus sein, dass diese Prophezeiung etwas mit dem Jahr 2012 zu tun hat. Vielleicht wird man dieses Jahr auf der Erde einmal als Beginn der Ära des Sternenzeitalters bezeichnen.“
„Wenn ich daran denke“, wandte ich ein, „dass ich kürzlich auf einem Planeten Hausverbot bekommen habe, weil man sich vor uns Menschen fürchtet, dann glaube ich nicht an diese Prophezeiung. Wir sind es noch nicht wert, dass ...“
„Es passiert nicht von einem Tag auf den andern“, platzte Balains Stimme in meine Gedanken, „es ist ein fliessender Übergang. Als hier auf Wengan noch Krieg herrschte, gab es schon lange solche, die davon sprachen, dass wir einst als vereinte Wesen das All erforschen würden. Die Wenigsten nahmen diese Propheten ernst. – Das irdische Jahr 2012 könnte den Punkt bilden, an dem es auf die andere Seite kippt.“
„Umso besser“, sagte ich, „aber jetzt musst du mir endlich sagen, wie die Maya-Bibliothek auf euren Planeten gekommen ist.“
„Unsere Väter waren Forscher“, antwortete Balain. „Sie flogen mit Raumschiffen durch das All und waren dabei auf die Erde gestossen. Während Jahrhunderten besuchten sie die Erde immer wieder und beobachteten die Entwicklung auf eurem Planeten. Und eines Tages begannen sie, Maya-Objekte mitzunehmen, um sie vor der Zerstörung durch die Spanier zu retten. Die Maya-Bibliothek war ihnen derart wichtig, dass sie sie in den Boden eingruben, wo sie sicher ist vor den Vulkanen, von denen es auf Wengan einige hat.“
Diese Antwort genügte mir noch nicht, ich wollte von Balain wissen, weshalb gerade Kulturgüter der Maya. Sie hätten doch noch vieles von alten Kulturen retten können.
Balain blickte zu Diala und dann zu mir: „Das Volk der Maya hat seine ursprünglichen Wurzeln auf Wengan ...“

Die Maya-Bibliothek und die Gesichter von Balain und Diala verschwammen. Ich entfernte mich mit Überlichtgeschwindigkeit vom Wasserplaneten und fand mich im Bett wieder. Ich nahm Papier und Kugelschreiber und schrieb den Text des Mayabuches auf. Er war noch so präsent in meinem Kopf, als ob ihn mir Balain diktieren würde. Dann schlief ich wieder ein.
Am Morgen war ich wie gerädert. Diese verrückte Geschichte war etwas viel für eine Nacht.

31. Reise zu den Sternen

Einige Nächte später fand ich mich erneut im Raumkatamaran wieder. Balain lächelte und gab mir zu verstehen, dass es diesmal auf seinen Heimatplaneten ging, den er „Wengan“ nannte. Neben Korina und Lone war auch Diala an Bord.
Diala und ich sassen auf dem Sofa, das an der hinteren Wand der Brücke stand und ein bequemer Logenplatz war: Von dort sahen wir direkt auf den Grossmonitor, der den Blick auf den Bug des Schiffes und auf alles freigab, was vor uns lag. Diala erzählte mir von ihren Begegnungen mit Menschen aus verschiedenen Kulturen und ich von der unangenehmen Erfahrung meiner letzten Reise.
„Wie kommt es“, fragte ich sie, „dass ich mit meiner Anwesenheit auf einem andern Planeten die kosmische Ordnung stören soll?“
„Lieber Fabian“, antwortete Diala, „es geht nicht um dich persönlich, sondern um das, was du repräsentierst. In den Augen vieler Wesen ist die Erde ein gefährlicher, düsterer und lärmiger Ort. Viele haben Angst davor, mit den Erdbewohnern in Kontakt zu kommen, weil sie befürchten, sie könnten mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert werden, oder sogar rückfällig werden.“
„Na, na, so schlimm sind wir nun auch wieder nicht“, reklamierte ich.
„Was würdest du fühlen“, begann Diala in einem Ton, den ich von ihr nicht gewohnt war, „wenn du auf einem Planeten landen würdest und zusehen müsstest, wie eine junge Frau zu Tode gesteinigt wird, weil sie vergewaltigt worden ist? Oder wenn du mit eigenen Augen sähest, wie es einem Kind die Beine zerfetzt, weil es auf eine Mine getreten ist, die Leute herstellen, um Geld zu verdienen? Was würdest du von denen denken, die das tun?“
Nie und nimmer möchte ich mit solchen Kreaturen zu tun haben, dache ich und begriff gleichzeitig die Ungeheuerlichkeit dieses Gedankens: Ich lebte ja in dieser Welt, wo solches passiert. Ich war Teil davon ..!

Auf dem Bildschirm tauchte ein Punkt auf, der von Sekunde zu Sekunde grösser wurde und sich rasch zu einer grossen Kugel entwickelte. Schon tauchten wir in die Atmosphäre ein. Der Planet war blau, nirgends entdeckte ich Kontinente, nur hie und da helle Flecken. Und damit begann eine sehr eigenartige Geschichte.
Korina erhob sich aus seinem Sessel und ging ans Ruder, während Balain auf ein paar Tasten drückte, die in die Sessellehne eingebaut waren. Der Katamaran setzte mit grosser Geschwindigkeit auf dem Wasser auf und glitt nun sanft über das wellenlose Meer einer Insel entgegen, begleitet von einem grossen Schwarm Delfinen. Kapitän Balain riss den Maschinentelegraphen herum, das Schiff verlangsamte seine Fahrt. Vor uns sahen wir einen Hafen, in welchem Schiffe aller Grössen standen. Dabei waren auch Grosssegler dabei: weisse Ein- bis Viermastkähne mit organischen Schiffskörpern, wie man sie bei uns nicht sieht: Da war beispielsweise ein Schiff in Form eines in die Länge gezogenen Schneckenhauses. Ein anderes Schiff sah aus wie ein riesiger Flamingo und ein drittes, das majestätisch an uns vorbeizog, glich einer Jakobsmuschel in der Grösse eines Fussballfeldes. Einige Schiffe waren Katamarane, die keinerlei Aufbauten und Masten hatten. Ich nahm an, dass es auch Raumschiffe waren, wie das unsrige. Balain nickte mir zu. Ich hörte ihn sagen, dass die Oberfläche von „Wengan“ aus 92 Prozent Wasser bestehe und dass die Raumschiffe auch als Wasserschiffe verwendet wurden.
Wir ankerten etwas ausserhalb des Hafens. Als wir ausstiegen, warteten fischartige massige Wesen längsseits unseres Katamarans. Sie trugen uns auf ihren breiten weichen Rücken an Land. Ich sah, wie Balain, Lone und Korina sich mit den Wasserwesen wortlos unterhielten. Zwischendurch lachten sie und gaben auch mal quakende Laute von sich.
Anscheinend lebten die Land- und die Wasserwesen eng miteinander: Überall hatte es Kanäle und Teiche, in denen sich beide Arten tummelten und vergnügten. – Eine Symbiose?
Lone nickte mir zu. „Ja“, hörte ich ihn sagen, „heute sind wir eine Gemeinschaft. Die im Wasser Lebenden, die Wendoi, und wir Landwesen, die Gandoi, leben zum gegenseitigen Nutzen. Die Wendoi versorgen uns mit Nahrungsmitteln aus dem Wasser, und wir bauen die Einrichtungen, damit sie auch an Land kommen und mit uns die Welt über dem Wasser erkunden können. Aber es war nicht immer so harmonisch. Einst, als es noch riesige Landflächen gab, bekämpften sich die beiden Arten während Jahrtausenden. Es hätte nicht viel gebraucht, und die Wendoi wären ausgestorben.“

Kaum waren wir an Land, sprangen uns ein paar Kinder entgegen; sie waren halb Fisch, halb menschlich! Meine Freunde umarmten sie und streichelten ihnen über den glänzenden Kopf, was die Kleinen mit einem schmusigen Ausdruck im Gesicht beantworteten. Inzwischen kamen auch einige feingliedrige Wendoi herangeschwommen, die sich quakend meldeten. Balain, Korina und Lone sprangen samt den Kleidern ins Wasser und die Kinder mit ihnen. Diala verriet mir, dass es sich bei dieser ganzen Gruppe um eine Familie handle, denn auf Wengan bestehe eine Familie aus mehreren Pärchen. Als die Fee „Wengan“ sagte, machte es „Klick“, und ich wusste, weshalb der Planet so hiess ...

Im gleichen Moment hörte ich ein Geräusch, das nicht hierher gehörte. Ich erwachte und sah im schwachen Mondlicht, wie Kater Mikesch den Traumfänger, der vor dem Fenster hing, gegen das Glas schlug – eine bewährte und von Schlitzohr Mikesch bevorzugte Technik, mich zurückzuholen. Ich öffnete das Fenster und liess den Störenfried herein. Dann setzte ich mich auf den Bettrand und versuchte, mich an die Bilder von Wengan zu erinnern.

30. Reise zu den Sternen

Bisher war ich auf meinen Sternenreisen überall herzlich empfangen oder aufgenommen worden. Ich genoss die Abenteuer im All und versuchte, die Erkenntnisse meiner Forschung in den Alltag einzubringen. Obwohl mir die eine oder andere Begegnung zu denken gab, geriet ich nie in Zweifel über die Richtigkeit dieser Expeditionen. Nicht so bei meiner folgenden Reise.

Nach einer längeren Fahrt näherte sich der Raumkatamaran einem Planeten, welcher der Erde sehr ähnlich war: Ich sah grüne und braune Kontinente, eingefasst vom Blau der Meere; darüber zogen weiss und anmutig feine Wolkenschleier hinweg. Ich fragte Käpten Balain, wie dieser Planet genannt würde. „Wir nennen ihn Manu“, gab er mir auf seine Weise zur Antwort.
Ohne, dass Balain dem Steuermann irgendwelche Befehle erteilen musste, brachte Korina das Schiff in bevölkertes Gebiet und landete mitten auf einem grossen Platz in einer Stadt. Es schien die normale Pier für Raumschiffe zu sein, denn als wir vier ausstiegen – Diala war nicht dabei – schauten sich die Leute nur kurz nach uns um und gingen wieder ihrer Sache nach. Die Wesen von Manu sahen aus wie Menschen, nur waren sie mindestens einen Kopf kleiner als wir und hatten eine lilafarbene Haut. Das irritierte mich überhaupt nicht, aber seltsam dünkte mich, dass uns niemand zulächelte ...
Wir waren noch keine Minute auf dem Landeplatz, als aus einem schneeweissen Gebäude mit vielen Türmen und Kuppeln eine Gruppe Leute trat und auf uns zukam. Der Mann und die Frau an der Spitze der Delegation begrüssten Balain, Korina und den Schiffsnavigator Lone herzlich. Als sich ihre Gesichter mir zuwandten, erstarb ihre Freundlichkeit. Dann sprach mich die Frau an: „Wir heissen Sie nicht willkommen in unserem Sonnensystem und auf unserem Planeten; wir können Sie nicht willkommen heissen. Ihren Gedanken entnehmen wir, dass Sie von einem finsteren Ort kommen, wo gefoltert und hingerichtet wird, wo mit todbringenden Werken Energie erzeugt wird, wo die einen nicht wissen, woher sie die Nahrung nehmen sollen, um die nächsten Tage zu überleben, und die andern nicht wissen, wohin sie mit ihrem angefressenen Fett hin sollen.“
Ich war so erschrocken über diese Begrüssung, dass ich keine Worte fand. Die Leute starrten mich an, als wäre ich der Teufel in Person. Der Mann fuhr fort: „Sie stören die kosmische Ordnung. Sie bringen Verwirrung. Gehen Sie zurück auf ihren Planeten und helfen Sie dort mit, das Gegensätzliche in ihrer Welt derart zu versöhnen, dass es wie Tag und Nacht ein harmonisches Ganzes bildet ...“
Ich war geschockt. Oder war mein Ego gekränkt? Ohne ein Wort zu sagen, stieg ich über die Gangway in den Raumkatamaran und setzte mich in die eine Ecke des Sofas auf der Brücke. Kurz danach kamen Balain, Korina und Lone herein. Wortlos brachten sie den Katamaran aus der Atmosphäre des Planeten und hinaus in die Schwärze des Alls ...

Als ich erwachte, war es hell. Sonntagmorgen – trüb und nass. Kater Mikesch lag auf der Bettdecke zu meinen Füssen. Sein zotteliger Bauch hob und senkte sich in gleichmässigem Rhythmus. Ich begann zu grübeln: Dass man uns Menschen nicht überall im All willkommen heissen würde, war angesichts der Verhältnisse auf unserem Planeten verständlich. Dass ich jedoch als Vertreter der Menschheit Verwirrung bringe und die kosmische Ordnung störe, war ein starkes Stück. Aber es musste etwas dran sein und bedeutete, dass auch das Geringste Einfluss hat auf das Ganze. Ich erinnerte mich an die Begegnung mit dem Mystiker Blaise Pascal und vernahm plötzlich seine Worte in mir: „Der Mensch ist nichts im Hinblick auf das Unendliche, aber ein All im Hinblick auf das Nichts. Sei dir deiner Macht bewusst und wende Sie zum Guten an – immer und immer wieder ...“


Ich verbrachte den ganzen Sonntag damit, alles über Blaise Pascal zu lesen, der als 31-Jähriger nach einem Donnerschlag von einem Lichterlebnis alle seine mathematischen und philosophischen Studien abbrach und sich in ein Kloster zurückzog. Er hatte gefunden, was er gesucht hatte. Ich dagegen fand keinen Hinweis darauf, wie ich es anpacken sollte, „das Gegensätzliche derart zu versöhnen, dass es wie Tag und Nacht ein harmonisches Ganzes bildet“. Vielleicht, dachte ich, ist die Antwort darauf ganz einfach und findet sich auf einer späteren Reise durch das All. Immerhin hatte ich auf meiner letzten Sternenreise zwei Dinge begriffen: Erstens, es genügt nicht, nur zu forschen; die Erkenntnisse daraus müssen dem Wohle aller dienen. Zweitens: Die Menschheit – ich eingeschlossen – war noch weit von der kosmischen Reife entfernt.

29. Reise zu den Sternen

Die Sternenreisen wurden mir übrigens bei jedem Wetter und in jeder Jahreszeit zuteil, aber sie fanden stets in der Nacht statt. Vielleicht war tagsüber die Ablenkung zu gross. Die Ruhe der Nacht inspiriert zu inneren Reisen, ja, sie lädt einem geradezu ein, sich den Bildern hinzugeben, die aus der Dunkelheit auftauchen. Und dort, wo ich damals wohnte, hörte man nachts nur das Rauschen des Baches oder den schaurigschönen Ruf eines Kauzes.

In der Nacht nach der letzten Reise, weckte mich einmal mehr Kater Mikesch. Er verstand es meisterlich, mich so lange weich zu miauen, bis ich mich aufraffte und ihm das Fenster öffnete. Ich sah zum Himmel. Abends war er noch mit Wolken zugepflastert gewesen, und nun zeigte er sich in seiner ganzen Sternenpracht. Kein Wunder, dass mich der Himmel immer wieder aufsog; die Sehnsucht nach der Weite des Alls war übermächtig. Auch in dieser Nacht.
Ich stand plötzlich mitten in einem runden leeren Haus aus Holz. Herumliegende Werkzeuge deuteten darauf hin, dass an diesem Gebäude gearbeitet wurde. Durch eine durchsichtige Kuppel drangen die wärmenden Strahlen der Morgensonne herein. Auch die Seitenwände waren aus Glas, unterbrochen von Stützbalken.
„Gefällt es dir?“, hörte ich eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um. Die Frau von gestern Nacht kam auf mich zu. „Hier wird es ziemlich heiss, wenn die Sonne ihren Kulminationspunkt erreicht“, sagte ich neckisch, „aber sonst – ein Traumhaus.“
Die Frau zog an einer Schnur, die von der Decke baumelte. Sogleich verlor das Kuppelglas seine Transparenz, es wurde milchig und liess spürbar weniger Lichtstrahlen hindurch. „Das Gleiche lässt sich mit den Seitenwänden machen“, sagte die Frau. – „Übrigens: hier könntest du wohnen ...“
„Wie heisst du eigentlich?“, fragte ich Sie leicht irritiert.
„Nenn uns wie du willst. Wir brauchen keine Namen. Wenn uns jemand ansprechen will, dann genügt es, uns anzuschauen oder an uns zu denken.“
„Dann lassen wir das mit dem Namen“, sagte ich und fragte sie direkt, weshalb sie mich auf ihren Planeten locke.
„Bleib hier“, sprach sie sanft. „Hier hast du alles, was du brauchst.“
„Das kann ich nicht. Ich bin auf der Suche nach dem Geheimnis der Sterne. Würde ich bei euch bleiben, dann müsste ich meine Forschungen aufgeben.“
Ich erzählte ihr vom Samadi-Wurmloch und dass ich es einst mit meinen Freunden durchfliegen werde.
„Es geht auch ohne Samadi-Wurmloch“, wandte die Frau ein. „Um das Geheimnis des Alls zu enthüllen, musst du dich von allem lösen, auch von einer fixen Idee. Kosmisches Bewusstsein bedeutet, alles aufzugeben – alles aufgeben, heisst, alles gewinnen.“
„Das mag sein, aber ich habe nun mal diesen Weg der Suche gewählt.“
„Ob du mit einem Raumschiff unterwegs bist oder im Geist, überall erscheinen dir die Welten als von dir getrennte Einheiten. Doch im Wesen sind und bleiben sie ewig ein Ganzes. Du kannst dich also ruhig hier niederlassen.“
„Mich hier niederlassen? Nein, es gibt noch unendlich vieles zu entdecken. Ich möchte bis an die Grenzen des Alls vordringen.“
Die Frau seufzte. „Das Unendliche lässt sich nicht begrenzen“, sagte sie. „Du kannst so weit reisen, wie du willst – du bist immer am gleichen Ort ...“

Entweder war ich zu stur, oder die Zeit war noch nicht gekommen. Ich hatte jedenfalls keine Lust, mich dort niederzulassen und auf die Sternenreisen zu verzichten. Mochte die Frau mit den wunderschönen grünen Augen recht haben, mochte ihr Planet und das Haus noch so verlockend sein, ich lehnte dankend ab, und damit verblasste die Szene.
Ohne weitere Begegnung mit meinen Freunden aus dem All oder mit Diala landete ich direkt im Bett. Und wieder weckte mich Mikesch mit seinem Gejammer. Er wollte hinaus in die Nacht. Auch er schien sein Programm zu haben.
Wie oft hatte ich schon daran gedacht, eine Katzenpforte in die Haustür einbauen zu lassen, ohne es dann auch wirklich zu tun ..?!

28. Reise zu den Sternen

Die nächste Reise führte mich auf einen Planeten, auf dem die Bewohner daran waren, neue Lebensweisen zu entwickeln. Es war eine Zeit nach grossen Zerstörungen durch die eigene Hand und durch Naturkatastrophen. Gebiete, wo das Leben in riesigen Städten einst bis zum Infarkt rasend pulsiert hatte, standen unter Wasser. Dicht bevölkerte Gegenden waren durch radioaktive Verstrahlung zu tödlichen Zonen geworden. Unvorstellbare Stürme hatten alles weggefegt, was den Winden nicht widerstehen konnte. Um sich vor der Hitze zu schützen, die durch einen plötzlichen Klimawandel auf dem ganzen Planeten herrschte, hatten die Überlebenden Löcher in den Boden und in die Berghänge gegraben und diese bewohnbar gemacht.
Die Leute waren zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, deren oberstes Ziel es war, sich als Ganzes weiterzuentwickeln. Es war selbstverständlich geworden, die Gedanken mit Wesen aus andern Räumen des Kosmos auszutauschen. Deshalb hatten Balain, Korina, Lone, Diala und ich sofort Kontakt zu einer Gruppe von Menschen, die daran waren, über ihren Erdwohnungen runde Häuser aus Holz zu bauen. Es war der Beginn einer neuen Ära. Die Anzahl und Stärke der Stürme waren auf ein erträgliches Mass zurückgegangen, ebenso die Hitze.
Abends sassen wir und weitere Besucher aus dem All zusammen mit den Bewohnern des Dorfes um ein grosses Feuer im Freien. Auf den Wiesen stampften Bison-ähnliche Tiere rund um die Raumschiffe. Gelegentlich rieb einer dieser Kolosse seinen haarigen Rücken an der Unterseite der gewölbten Flügel unseres Raumkatamarans. Dahinter versank die Sonne glühend im Meer. – Und ich Depp hatte keine Kamera dabei ..!
Die Menschen dieses Planeten sprachen nur in der Wir-Form. Von einer Frau, die ihrem Aussehen nach unter dreissig, aber ebenso über 50 Jahre alt sein konnte, erfuhr ich folgendes: „Es ist wie ein Neubeginn des menschlichen Lebens. Wir haben das alte Denken vollständig über Bord geworfen, um überleben zu können. Kein Mensch interessiert heute, welche Hautfarbe jemand hat und aus welcher Ecke des Alls er kommt. Unsere Religion hat keinen Namen, und so etwas wie Geld existiert nicht mehr. Was zählt, ist das Wissen, dass jeder Gedanke, jede Bewegung, jede Tat uns alle betrifft – im Guten wie im Schlechten.“
„Das würde bedeuten“, folgerte ich, „dass bei euch alle Menschen spirituell auf demselben Stand sind.“
Da lachte sie und sagte: „Nein, wenn dem so wäre, hätte das Leben hier keinen Sinn mehr. Aber eines ist uns klar: Alles Leben im Kosmos ist auf geistiges Wachstum ausgelegt.“ Sie schaute in Richtung des rot leuchtenden Horizonts. Dann blickte sie mich lächelnd an, und ihre smaragdfarbenen Augen raubten mir fast den Atem. „Ist dieser herrliche Planet nicht ein verlockender Ort, um einfach zu sein ..?“
Der Blick dieser Frau schien mich völlig aus der Szene herauskatapultiert zu haben. Ich weiss noch, dass ich auf dem Rückflug zu Diala sagte, dass ich unbedingt auf diesen Planeten zurückkehren wollte ...

Als ich erwachte, fand ich mich auf der Bettdecke am Boden wieder. Derweil lag Kater Mikesch eingerollt auf dem Bett und tat so, als ob dies der korrekten Rangordnung entsprechen würde.

27. Reise zu den Sternen

Was hier als übergangslose Fortsetzung daherkommt, bedeutete in Wirklichkeit siebzehn Tage und Nächte Unterbruch. Zeit und Raum waren ... – Zeit und Raum ..?
Beim Schreiben dieser Zeilen fällt mir auf, dass sich die Bedeutung der Begriffe „Zeit“ und „Raum“ seit Beginn meiner Sternenreisen verändert hat; sie kommen mir veraltet vor, nein, nicht veraltet, überholt, als gäbe es sie in meinem Wortschatz nicht mehr, als stünden sie für etwas, das es gar nicht gibt oder nur bedingt existiert. Und auch sonst stelle ich fest, dass sich meine Wahrnehmung allgemein ändert. – Doch davon später, falls ich diesen subtilen inneren Wandel überhaupt formulieren kann.

„Du kommst bald an, lieber Fabian ...“
Dialas liebliche Stimme weckte mich. Ich war allein. Mein Blick wurde vom Geschehen auf dem Grossbildschirm angezogen: Der Raumkatamaran näherte sich einem rötlichen Planeten, auf dem es an Wasser, nicht aber an Sonnenstrahlen zu mangeln schien. Dies bestätigte sich drastisch, als sich nach der Landung die Luke öffnete und ich auf die Gangway treten wollte: Mir schlug eine derartige Hitze entgegen, dass mir fast die Luft wegblieb! Ich flüchtete in das Schiff zurück und entdeckte auf dem Sofa sorgfältig hingelegt ein weisses Gewand und einen weissen Schleier, der wohl als Kopfbedeckung gedacht war. Daneben lagen eine Feldflasche, ein Gürtel und ein paar Sandalen – natürlich in meiner Grösse.
Die Aufforderung war unmissverständlich. Ich zog mich aus und schlüpfte in das knöchellange Gewand, setzte das Kopftuch auf und gürtete die Feldflasche um, die sich kühl und feucht anfühlte. Wie immer konnte ich mich auf meine kosmischen Freunde verlassen; Diala und die Crew des Katamarans hatten mein Abenteuer auf diesem Wüstenplaneten so vorbereitet, dass ich nicht als Dörrobst enden würde.
Sand, nichts als Sand, und Düne an Düne. Wie ein Schiffbrüchiger in einem wogenden Sandmeer kam ich mir vor, als ich mich vom Katamaran entfernte. Ich lief intuitiv in Richtung der kleineren der beiden Sonnen, die die Backofenhitze auf diesem Planeten verursachten. Schon nach ein paar Metern klebte das Kleid an meiner Haut. Etwa alle fünfzig Schritte setzte ich die Flasche an und trank.
Ich war gewiss schon über eine Stunde unterwegs und begann mich zu fragen, was es auf diesem toten Planeten zu erleben gab, ausser Durst zu haben. Da erblickte ich auf einmal etwas Grünes mit weissen Armen. Mitten in der endlosen Sandlandschaft: eine Orchidee ..! Sie duftete lockend süss. Als ich mich der einsamen Blume näherte, nahm die eintönige Gegend plötzlich Farbe an und begann zu atmen. Ich sah eine unberührte Landschaft voller Pflanzen und Tiere! Ein leichter Wind fächelte um mein platschnasses Gesicht.
Erschreckt durch diese Vision, blieb ich stehen und versuchte, mich rückwärts schreitend der möglichen halluzinativen Wirkung des Pflanzenduftes zu entziehen. Bei jedem Schritt verschlang die Wüste ein Stück des belebten Bildes um mich herum, bis es ganz verschwunden war. Zögernd näherte ich mich erneut der Blume, und damit kehrte die bunte Welt zurück.
„Gehörst du auch zu meinem Traum ..?“
Ich zuckte zusammen. Niemand weit und breit. Hatte die Orchidee zu mir gesprochen?
„Du bist fremd hier, woher kommst du?“, fragte sie.
Anscheinend war ich in den Geist der Blume eingebrochen, der das Leben auf diesem Planeten träumte.
„Ich komme von einem anderen Traum“, sagte ich und hoffte dabei, ihre Sprache zu treffen.
„Oh, dann lass mich in dich eintauchen, damit ich deinen Traum anschauen kann.“
Ich schloss die Augen und versuchte, meine Welt, meinen „Traum“ so echt wie möglich zu projizieren.
Sie schien meine Bilder zu empfangen, denn sie stiess gelegentlich ein „Wow“ oder ein „Ich fass es nicht ...“ aus, oder dann erschrak sie plötzlich mit einem „Uuh!“, oder lachte laut auf.
„Ein verrückter Traum“, sagte sie nach einer Weile.
„Was du gesehen hast, ist für mich kein Traum, sondern Wirklichkeit“, entgegnete ich.
„Du hältst diese Vielfalt für wirklich?“, fragte sie. „Drehst du damit nicht völlig durch?“
„Na, ja, es ist nicht immer einfach, den Überblick und die Ruhe zu behalten. – Aber wie kommst du auf die Idee, dass meine Welt nicht wirklich sein könnte?“
„Weil man einen Traum nur solange für wirklich hält, bis man erwacht.“
„Meine Welt kann unmöglich nur ein Traum sein ...“, sagte ich bestimmt.
“Je schwerer die Gedanken, desto härter die Dinge. Du musst in einem sehr harten Traum leben, wenn du so engherzig denkst. – Komm, tritt ein in meinen Traum. Er ist leicht und weich. Zerfliess und sei Teil davon!“
Und ich sah die vielen Formen des Lebens im Traum einer Orchidee: ein Paradies, ein üppiger Garten mit Blumen in kräftigen Farben, mit Bäumen, deren Wurzeln dicker und länger waren als der dazugehörende Stamm, mit Gräsern und Büschen, mit Bächen, die sich über moosbewachsene Felsen ergossen, und an denen spinnenartige Wesen ihren Durst löschten. Ich zog den würzigen Duft in die Nase, und kühlte meinen erhitzten Kopf mit Wasser aus einem Bach. Als ich einen der knorrigen Bäume berührte, fühlte sich dieser weich und wollig an, als ob ich in den Baum hineingefasst hätte. In der Ferne glitzerte das Wasser eines ausgedehnten Sees, hinter dem sich Berge auftürmten. Darüber schwebte ein purpurroter Himmel mit zwei Sonnen.
Ich hatte Mühe zu begreifen, dass diese duftende bunte Vielfalt nichts als ein Traum, zu Form gewordenes Bewusstsein war. Alles nur ein Traum und doch wirklich – ein Paradoxon, ein Koan ...
Auf einmal spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem verletzten Fuss. Gleichzeitig fühlte ich, dass mich das Raumschiff erwartete. Ich flutschte so wuchtig aus dem Traum der Orchidee wie ein Champagnerkorken, der ein Stück weit aus dem Flaschenhals gezogen worden war und plötzlich dem Druck nachgegeben hatte.
„Ich träume, also bin ich“, sagte die Blume und schien dabei zu lächeln.
Ehe ich antworten konnte, war ich im Katamaran, der auch schon mit steigender Geschwindigkeit über den Sand schliff, sanft abhob und sich rasch vom Wüstenplaneten entfernte.
Wie ich in mein Bett kam, weiss ich nicht. Höchst interessant war jedoch, dass ich beim Erwachen nicht meinen Pyjama trug, sondern ein weisses Gewand und einen Kopfschleier. Die mit einem Fell überzogene Feldflasche lag auf dem Boden. Kater Mikesch zerrte an dem seltsamen Tier herum und biss sich darin fest, als hätte er seit langem nichts mehr zwischen die Zähne bekommen. Als ich den Staubsauger hervorholte, um den vielen Sand auf dem Teppich zu entfernen, versteckte sich Mikesch hinter dem Büchergestell. Er begriff den Sinn dieses rauschenden Ungetüms etwa so, wie ich den physikalischen Vorgang meiner Reisen zu den Sternen.

26. Reise zu den Sternen

Ich erwachte mitten in der Nacht, als ein tiefes, walzendes Geräusch durch das Haus und durch mich hindurch zog. Zunächst dachte ich an ein Erdbeben und sprang sogleich aus dem Bett. Doch ich spürte weder ein Zittern noch schwankte das Haus, wie ich es auch schon erlebt hatte. Nur das Grollen war weiterhin zu hören. Ich schaute aus dem Fenster und erschrak: Unten auf der Wiese schwebte der Raumkatamaran – schwach beleuchtet vom Licht des Halbmondes. Kater Mikesch stand auf dem Fenstersims. Die Ohren flach nach hinten gelegt, den Schwanz buschig, ja, fast aufgefächert wie ein Pfau, starrte die Katze auf das summende Ungeheuer. Die Seitentür war offen, die Gangway ausgefahren. Anscheinend wartete man auf mich. Super Service, dachte ich, zog mich an und verliess das Haus.
Kaum hatte ich beide Beine im Raumschiff, fuhr die Gangway ein, die Luke ging mit einem schmatzenden Ton zu, und der summende Ton verstärkte sich. Auf dem Weg zur Brücke freute ich mich darauf, Balain, Korina und Lone, vielleicht sogar Diala wiederzusehen. Aber der Kommandoraum war leer! Ein Blick auf den grossen Bildschirm an der Bugwand genügte, um festzustellen, dass der Katamaran bereits abgehoben hatte und sich mit grosser Geschwindigkeit von der Erde entfernte. Das Steuerruder drehte sich hin und wieder wie von Geisterhand. Anscheinend wurde das Schiff durch den Bordcomputer gelenkt.
Ich setzte mich in den Sessel des Käptens und wartete auf etwas Unerwartetes. Ich wusste, dass ein neues Abenteuer auf mich zukam ...
Kaum gedacht, verschwand das Bild auf dem Wandmonitor und Balains übergrosses Gesicht wandte sich mir zu.
„Hallo Fabian“, begann der Käpten des Katamarans, ohne den Mund zu bewegen, „wie ich sehe, hast du es dir bequem gemacht.“ Seine braunen Lausbubenaugen lächelten. „Das Schiff bringt dich auf einen fernen Planeten, wo jemand auf dich wartet. Geniess die Fahrt! Wo die Kombüse und die Schiffsbar ist, weisst du ja.“
Das Bild auf dem Grossbildschirm wechselte auf Sicht voraus: Doch anstelle von vorbeisausenden leuchtenden Sternen auf schwarzem Grund, wie ich es erwartete, rauschte das Raumschiff durch Farbennebel hindurch, die fliessend übergingen vom Gelb ins Grün, dann ins Blau, Violett, Rot und schliesslich über ein Orange wieder ins Gelb, in endloser Folge. Ein Effekt der Überlichtgeschwindigkeit ..?
Eine Zeitlang schaute ich diesem faszinierenden Farbenspiel zu, dann wurde es mir buchstäblich zu bunt, ja, mir wurde fast übel. Zum Glück hatte ich Balain mehrmals dabei beobachtet, wie er den Bildschirm ausschaltete. Ich drückte auf die entsprechende Taste.
In der Kombüse liess ich mir vom Küchenroboter – ich musste laut herauslachen: es war eine Kopie von Brad Pitt (!) – einen frischen Bananenshake zubereiten. Eindeutig besser als der replizierte auf der „Enterprise“, dachte ich und legte mich auf das Sofa, das an der Wand hinter dem Sessel des Käptens stand. Ich versuchte, die Bilder meiner bisherigen Sternenreisen aus dem Gedächtnis abzurufen und ihre Botschaften zu erkennen:
Ich sah das Samadi-Wurmloch und erinnerte mich, dass es darum ging, die Passage durch dieses tunnelartige Gebilde im All zu schaffen, um das kosmische Bewusstsein, die kosmische Reife zu erreichen.
Was aber war das kosmische Bewusstsein?
Von Councelor Troi, Hubert und Blaise Pascal hatte ich erfahren, dass es undenkliche Weiten sowohl nach unten als auch nach oben gab. Mikrokosmos, Makrokosmos, alles war miteinander verwoben, war ein Ganzes. Ein Bewusstsein? Unser aller Bewusstein? Oder wie es Hubert ausgedrückt hatte: „Wir selbst ..?“ Gab es in Wirklichkeit gar keine Individuen? Meine Gedanken liessen nicht locker: Wo fängt das „Ich“ an, und wo hört es auf? Bildet die Körperhaut die Grenze? Wo beginnt das Du? Und ist der „Raum“ zwischen dem Ich und dem Du auch Bewusstsein, was zum Beispiel erklären würde, weshalb wir gelegentlich jemanden anrufen, der uns nach Jahren im selben Moment auch gerade anrufen wollte?
Ich lag auf dem Sofa ausgestreckt wie in einer Strandliege. Fehlt nur noch das Rauschen des Meeres, dachte ich und stocherte weiter in der Frage herum, was kosmisches Bewusstsein bedeuten könnte. Mir kam jener Moment vor gut zehn Jahren in den Sinn, als mich am helllichten Tag ein Blitzlicht getroffen hatte und mir in einem Augenblick zeigte, dass alles Existierende ein gleichzeitiges Sein ist. Damals – kurze Zeit nach Dialas Verschwinden – hatte ich für einen flüchtigen Moment begriffen, was der indische Weise Sri Ramana Maharshi als „das unteilbare Selbst“ bezeichnete. – Wie konnte ich dieses Erlebnis wiederholen und verinnerlichen? War das Samadi-Wurmloch die Lösung? War dieser Kanal eine Art Katalysator zum Erlangen eines dauerhaften kosmischen Bewusstseins ..?
In solchen Gedanken versunken, schlief ich ein.

Eine mechanische Melodie weckte mich: mein Handy! Ich knipste das Licht an und tastete nach dem Mobiltelefon. Da kam mir in den Sinn, dass ich in dieser Nacht Bereitschaftsdienst hatte. Und wenn mich das Telefon so früh am Morgen aus dem Schlaf riss, bedeutete dies nichts Gutes. Mein Chef teilte mir mit, dass ein Güterzug entgleist war und dass bereits ein Journalist am Unfallort war. In solchen Fällen war es meine Aufgabe, die Medienleute vor Ort zu betreuen und je nach Situation die Nachrichtenagenturen zu informieren. So hüpfte ich hastig aus dem Bett und trat auf ein Trinkglas, das sofort zerbarst. Der Bananenshake! Der Raumkatamaran! Jetzt fiel mir wieder alles ein, und gleichzeitig spürte ich einen stechenden Schmerz im Fuss. Eine Glasscherbe hatte mir sehr wohl gezeigt, wo das „Ich“ aufhörte und das Glas anfing. Schon tropfte Blut auf den Teppich. Willkommen in der geteilten Welt!
Ich klebte ein Pflaster auf die Wunde und zog mich an. Eine Viertelstunde später sass ich in einem Zug der Eisenbahngesellschaft, für die ich arbeitete. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen die entgleisten Räder der Lokomotive erreichten, war ich am Ort des Geschehens.
Weshalb die Lokomotive über eine geschlossene Weiche gefahren war, obwohl sie freie Fahrt hatte, war nicht auf Anhieb ersichtlich. Später ermittelten die Fachleute ein nebensächliches Detail als Ursache für den Unfall. Aus den Einsichten in die inneren Welten von Milben, hatte ich gelernt, dass auch das vermeintlich unbedeutendste Etwas in sich selbst unendlich gross ist, mit eigenen Prozessen, eigener Dynamik und folglich eigenem Bewusstsein. Aus dieser Optik heraus lassen sich „unerklärliche“ Ereignisse auf einmal erklären. Jedes noch so kleine Detail hat demnach das Potenzial einer Katastrophe. Jedes noch so kleine Detail zählt und ist es wert, beachtet zu werden oder, gemäss Hermann Hesse im „Glasperlenspiel“: „Man soll auf alles achten, denn man kann alles deuten.“

25. Reise zu den Sternen

Kater Mikesch hatte mal wieder seine Kuschelphase. Lang ausgestreckt wälzte er sich auf dem Teppich vor meinem Bett hin und her und liess bei jeder Drehung ein Büschel Haare liegen. Ich kraulte ihm in den Wollhaaren seines Bauches, wohl wissend, dass er seine Krallen jederzeit in mein Fleisch haken konnte, wenn er Spiel mit Kampf verwechselte.
Da sah ich eine Zecke über meine Hand krabbeln, die sich wohl den Kater als Opfer ausgesucht hatte, aber noch nicht soweit gekommen war anzuzapfen. Ich versuchte sie mit meinen nicht gerade filigranen Fingern zu ergreifen, doch sie entglitt mir immer wieder. Endlich war sie zwischen Zeigefinger und Daumen eingeklemmt. Ich schaute mir den Blutsauger etwas genauer an. In diesem Moment begann in meinem Kopf ein Rauschen, das sich rasch zu einem Orkan entwickelte. Alles drehte sich und riss mich mit. Ich verlor den Boden unter meinen Füssen und fiel, besser gesagt, es sog mich mit aller Wucht in das winzige Monstrum. Ich fuchtelte mit meinen Armen umher, um etwas Festes zu erwischen. Doch da war nichts, an dem ich mich hätte festhalten können. So ergeht es wohl einer Spinne, die in ein Staubsaugerrohr geraten ist, dachte ich und ergab mich meinem Schicksal.
Auf einmal war es still – kein Lufthauch, kein Ton. Ich befand mich in einem riesigen Raum, der dem Weltall glich. In der Ferne sah ich Sternenhaufen und einzelne Lichtpunkte.
Wo war ich hingelangt?
„Erkennst du die Unendlichkeit in einer Milbe ..?“ Ich zuckte zusammen. Der Satz war dicht neben meinem rechten Ohr gesprochen worden. Ich schaute zur Seite und ... da stand ein Mann in einem weiten grünen Mantel, wie man ihn vor einigen hundert Jahren getragen haben mochte und schaute mich freundlich an. Seine wachen, eher weiblichen Augen vermochten nicht über die grosse Nase hinwegzutäuschen, die das Gesicht dominierte.
„Komm, folge mir“, sagte er, „ich werde dir die Unermesslichkeit der Natur zeigen.“
Er deutete mit einer Kopfbewegung in eine bestimmte Richtung. Dabei wallte seine Mähne auf und ab, und ich fragte mich, wo die Haare angewachsen waren, denn eigentlich hatte der Mann eine Glatze.
Keine Zeit für dumme Gedanken. Schon rasten wir mit unglaublicher Geschwindigkeit einem Sternhaufen zu, und je näher wir kamen, umso mehr weitete sich der Raum. Eine der Sonnen wurde immer grösser und mit ihr auch ein grüner Planet. Keine Sekunde später standen wir auf festem Boden.
„Schau dir dieses Tier an.“ Der Unbekannte liess mir keine Zeit, die Gegend anzuschauen, sondern zeigte auf ein niedliches Katzenhörnchen, das vor uns sass und sich wusch. Er hob es sanft auf. Es war das gleiche Geschöpf, wie Diala eines gestreichelt hatte, während wir im Raumkatamaran durch das All geflogen waren.
„Siehst du die Milbe auf seinem Fell?“
Ich schaute etwas genauer hin und entdeckte sie.
„Und?“, fragte ich.
„Sieh genauer hin!“
Ich zoomte meinen Blick näher an das Spinnenviech, und schwupp, ging es wieder von vorne los. Mit grosser Geschwindigkeit tauchte ich in die Milbe ein und landete erneut in einem fremden All!
„Und so geht es endlos weiter“, hörte ich den Fremden neben mir. „Jede Milbe auf einer Milbe enthält ein All. Immer wieder findest du das Gleiche, ohne Ende, ohne Ruhe. Staune darüber, dass etwas, was uns unbedeutend klein vorkommt, selbst ein Kosmos ist. Das gilt auch für den Menschen: Er ist nichts im Hinblick auf das Unendliche, aber ein All im Hinblick auf das Nichts. Denk darüber nach!“
In diesem Moment begann sich der Mann aufzulösen.
„Wer sind Sie, wie heissen Sie?!“, rief ich ihm nach. Und aus der Tiefe der schwarzen Ewigkeit hörte ich den Namen „Blaise Pascal ...“

Auf dem Bett liegend fand ich mich wieder. Ich holte mir aus dem Bücherbrett den ersten Band aus der Lexikonreihe. Mikesch schnurrte vor sich hin, und ich suchte nach diesem Namen, den ich noch vom Gymnasium her kannte, aber nicht mehr entschlüsseln konnte. Da war plötzlich ein gemaltes Bild des Mannes, der mir in einer Milbe begegnet war. Darunter stand: „Blaise Pascal, 1623–1662, Mathematiker, Philosoph, Mystiker. Befasste sich bis zu seinem 31. Lebensjahr mit Mathematik (Pascal’scher Satz) und Philosophie. Nach einer starken Lichterfahrung wendete er sich spirituellen Fragen zu und zog sich in ein Zisterzienserkloster zurück.“

Ich suchte nach der Zecke, doch die hatte sich wahrscheinlich in der unendlichen Weite des blauen Teppichs verloren ...

24. Reise zu den Sternen

Was mir bei diesen Reisen am meisten abgefordert wurde, war nicht etwa Mut, sondern Geduld. Manchmal dauerte es Wochen, gelegentlich gar Monate, bis das Abenteuer weiterging. So war es auch diesmal.

Nach langem erwachte ich eines Nachts in einer kleinen Bergstadt. Die hellen Häuserwände reflektierten das Sonnenlicht. In den Strassen promenierten Menschen an Warenständen vorbei, schwatzten, feilschten, tauschten Dinge aus. Technische Fortbewegungsmittel wie Autos, Mofas oder Fahrräder sah ich keine. Der Ort strahlte zeitlose Ruhe aus.
Balain, Korina und Lone – die Besatzung des Raumkatamarans – und ich sassen auf Kissen in einer Runde von Männern und Frauen mit menschenähnlichen Zügen. Was mich an diesen Geschöpfen irritierte, war ihre dünne, fast durchscheinende Haut.
„Dieses Wesen stammt tatsächlich von der Erde?“, fragte eine Frau und blickte zu Balain. Alle schauten mich erwartungsvoll an. Balain bejahte dies, ohne einen Gesichtsmuskel dafür zu beanspruchen. Dann sprach mich die Frau an. Ihre hellen Augen schienen mich zu durchleuchten, blieben aber freundlich und aufmerksam: „Die Erde ist uns sehr nah“, sagte sie. „Wenn es sie nicht gäbe, hätten wir keine Lebensgrundlage. Wir fühlen, dass es ihr nicht gut geht. Deshalb versuchen wir, ihr zu helfen. Wir schicken ihr starke, geistige Heilmittel. Von Balain haben wir erfahren, dass sich diese Heilimpulse als geometrische Muster auf der Erdoberfläche manifestieren, vor allem in Kornfeldern.“
War dies das Geheimnis der Kornzeichen, die seit Jahrzehnten in den Sommermonaten vor allem in Südengland auftauchten ..?
Ich schien die Frau mit meinem Blick zu durchbohren, denn sie sprach kein Wort mehr und schaute unsicher umher.
„Einige eurer Wissenden und Weisen haben zwar längst entdeckt“, fuhr ein alter Mann fort, „dass ihr nicht allein seid, sondern von unzähligen Wesen im Mikro- und Makrokosmos begleitet werdet. Doch ist uns gesagt worden, dass die meisten Menschen noch immer glauben, die Erde sei eine isolierte Kugel im leeren Raum – ein Stück toter Materie, einsam im Weltall dahintreibend.“
Bei diesen Worten huschte ein Lächeln über die Gesichter der Männer und Frauen.
„Nehmen Sie uns dies bitte nicht übel“, sagte der Mann. „Aber wir haben lange ebenso gedacht und machen uns deshalb auch über uns selbst lustig.“
Dann erhob sich der Mann und schaute die Sitzenden eindringlich an. „Es ist einfach so“, sagte er, „wir, die wir alle von der Erde abhängig sind, haben gegenwärtig die grosse und wunderbare Chance, einen gewaltigen Bewusstseinssprung zu machen. Wenn wir diesen kostbaren Moment verpassen, kann es wieder Jahrtausende dauern, bis sich eine neue Sprungmöglichkeit bietet. Deshalb bitte ich euch, alles zu geben, damit es uns gelingt.“
Der alte Mann setzte sich wieder, und die Übrigen schienen darüber zu diskutieren, was der Alte gesagt hatte.

Derweil löste sich die Szenerie in winzige Punkte auf, die explosionsartig davonflogen. Als ich meiner Umgebung wieder bewusst war, sass, vielmehr lag ich auf dem Sofa vor dem Fernseher, auf dessen Bildschirm weisse Punkte tanzten. Helle Blitze und Donnergrollen kündeten ein Gewitter an. Irgendwo hatte wohl ein Blitz in eine Übertragungsstation eingeschlagen.

23. Reise zu den Sternen

Es vergingen fast zwei Wochen, bis die Reise endlich weiterging. Tag und Nacht quälten mich Gedanken, ob ich die unbekannten Wesen und ihr Raumschiff wiedersehen würde. Woher kamen sie, und was wollten sie von uns?
In einer milden Februarnacht, als ich schlaftrunken meinem endlos miauenden Kater etwas Trockenfutter in den Napf geschüttet hatte, fand ich mich plötzlich auf der Brücke eines Raumschiffs wieder. Im Gegensatz zum Kommandoraum der „Enterprise“ war es hier viel wohnlicher eingerichtet. An den Wänden hingen Bilder von Landschaften. Die Instrumente und Bildschirme waren in Holz gefasst. Aus Ritzen in den holzverschalten Wänden wuchsen Blumen und Früchte heraus!
Mitten auf der Brücke stand ein Kompass aus Messing, wie man ihn einst auf alten Dampfern verwendet hatte. Davor hielt jemand ein fast mannshohes hölzernes Steuerruder fest im Griff. Gleich daneben, an einem Tisch, war ein anderes Wesen damit beschäftigt, auf einem Bildschirm Sternkarten zu studieren. Ein dritter Unbekannter sass im Lederfauteuil neben mir. Keiner sprach ein Wort. Da sagte der Mann im Fauteuil – oder war es eine Frau? – zu mir: „Mein Name ist Balain. Wenn es dir lieber ist, kannst du mich Käpten nennen, wie es bei euch so Brauch ist. Am Ruder steht Korina, und den kürzesten Weg zum Ziel gibt uns Lone an. Er zeigte auf das Wesen an den Monitoren. Wir sind soeben in ein Wurmloch eingefahren, das uns in ein anderes Universum bringt. In Kürze werden wir auf einem Planeten landen, den wir noch nie besucht haben.“
Ich muss hier noch präzisieren, dass Käpten Balain nicht wirklich zu mir sprach. Sein kleiner schmaler Mund bewegte sich nicht. Ich vernahm die Worte, als würde er mit mir über Mikrofon und Kopfhörer kommunizieren. Und noch etwas: Die drei waren äusserlich weder eindeutig als Männer noch als Frauen zu erkennen. Ihre Köpfe waren kahl, schienen keinen Bartwuchs zu haben, und ihre grossen Kinderaugen schauten mich an, als ob sie in mir ein neues Spielzeug sähen. Ich schätzte sie so gegen dreissig. Der gute alte Spock hätte an dieser Stelle sicher ein „Faszinierend“ fallen lassen ...
Erst jetzt entdeckte ich Diala auf einem Sofa sitzend im hinteren Tel des Raums. Sie streichelte ein Tier, das wie eine Mischung aus Eichhörnchen und Katze aussah. Ich war froh, wenigstens in Diala etwas zu erkennen, was mir nicht völlig fremd war.
Ich blickte auf den Grossmonitor, der den Blick nach vorne freigab. Anders als auf der „Enterprise“ ermöglichte er auch die Sicht auf den Bug des Schiffs. Vor uns tauchte in regelmässigen Abständen der Rücken eines Delphins auf. Ich schaute zum Käpten. Balain lächelte. Ich erinnerte mich daran, dass auch die „Enterprise“ einen Delphin als Lotsen hatte. Anscheinend begleiten Delphine die Schiffe auch im All und stehen ihnen in bestimmten Situationen zur Seite.
„Eigentlich“, erklärte mir der Käpten, „benötigen wir für unsere kosmische Reisen schon lange keine Raumschiffe mehr, aber hin und wieder ist es ein ganz besonderes Vergnügen, einen solchen alten Kahn zu fahren.“ Balain grinste und riss den Hebel des Maschinentelegraphen herum, der die heftige Bewegung mit einem schrillen Glockenton quittierte. Das Schiff verlangsamte seine Fahrt. Wir näherten uns einem Planeten, der blau-grün aus dem Schwarz des Alls herausstach.
Das Schiff landete sanft in einer Waldlichtung. Die Gangway fuhr aus und liess uns bequem aussteigen. Eine leichte, nach Kräutern duftende Brise wehte uns entgegen. Unten angekommen, blickte ich zurück: Wie ich richtig vermutet hatte, waren wir mit dem Rochenschiff durch das All gereist.
Und wieder war ich von der atemberaubenden Schönheit dieses Schiffs beeindruckt, von den weichen glatten Formen, den organisch geformten Flügeln, dem zu einem leicht gebogenen Stachel zugespitzten Heck mit seinen zwei Flossen ...
Wir gingen einige Zeit durch den wilden, dschungelhaften Wald. An einem dornenübersäten Busch blieb meine Hose hängen. Der Schmerz des sich ins Fleisch bohrenden Stachels machte mir einmal mehr bewusst, dass ich mehr als träumte.
Als wir schliesslich aus dem Wald kamen, trafen wir auf einen Mann, der mit gekreuzten Beinen vor einer Hütte sass.
„Ich grüsse euch, Fremde“, sagte der Mann herzlich. „So wie ihr gekleidet seid, kommt ihr von weit her.“
„So ist es“, antwortete ich. „Und ihr? Lebt ihr hier?“
„Ja, dies ist mein Zuhause.“
Der Mann sah nicht sehr geschäftig aus. Ich fragte ihn deshalb, was er denn so den ganzen Tag tue?
„Ich sitze hier und warte darauf, dass mir die Wahrheit gezeigt wird. Ich warte auf ein Zeichen.“
„Und?“
„Es passiert nichts. Seit über dreissig Jahren ist nichts passiert. Einmal ist ein Vogel zu meinen Füssen gelandet. Er hat mich lange angeschaut und ist dann wieder davongeflogen.“
Ich blickte etwas ratlos zu meinen Gefährten und wandte mich wieder dem Mann zu.
„Was erwarten Sie denn, was passieren soll?“
„Es sollte etwas geschehen, was mir die Wahrheit offenbart, den Sinn des Daseins.“
„Wie ernähren Sie sich, wenn Sie hier den ganzen Tag sitzen.“
„Gar nicht. Ich habe keinen Hunger und keinen Durst. Manchmal stellt mir jemand mit besorgter Mine etwas hin. Dann lächle ich, und nach einer Weile essen oder trinken die Leute das, was sie mitgebracht haben und gehen zufrieden davon.“
„Indem Sie also nichts tun, machen Sie die andern glücklich?“
„Es scheint so, aber was nützt es mir? Ich hätte lieber, mir würde der Sinn des Lebens gezeigt.“
„Genügt es Ihnen denn nicht, dass Sie den Leuten zeigen können, dass es gar nichts bedarf, um glücklich zu sein?“
„Wenn dem so wäre, müsste ich ja der glücklichste von allen sein ...“
Er stutzte und sagte: „Ich werde darüber nachdenken.“ Dann schloss er die Augen und schwieg.
Ich blickte fragend zu Diala.
„Wartet eine Blume darauf, dass ihr jemand den Sinn ihres Daseins erklärt?“, fing ich ihre Gedanken auf. „Sie steht am Wegrand, erfreut die Wanderer, bietet den Insekten Nahrung an, verströmt Liebe in Form von Duft. Sie lebt, was sie ist. Und wenn ihre Zeit um ist, zerfällt sie so leise, wie sie einst gewachsen ist.“
Ich verstand und sah die Blume deutlich vor mir: eine weisse, sich nach innen dunkelrot verfärbende Rose. Ihr süsser Duft umhüllte mich und trübte meinen Blick. Kurz darauf fand ich mich neben meinem Bett stehend wieder. Ich wusste, dass ich die Fortsetzung dieser Szene nicht erzwingen konnte und kuschelte mich unter die Decke. Von weitem vernahm ich ein Miauen, dann schlief ich trotz des brennenden Schmerzes im Bein ein.

22. Reise zu den Sternen, Teil 4

Als wir plaudernd weiter das Tal hinabwanderten, sahen wir plötzlich wenige hundert Meter vor uns auf dem Weg etwas Grosses, metallen Glänzendes. Weil die Sonne ziemlich genau über dem Objekt stand, konnten wir zunächst nicht erkennen was es war. Doch mit jedem Schritt, der uns näher an das Ding heranbrachte, verrieten die Umrisse mehr und mehr, um was es sich handelte. Ich bekam eine Gänsehaut. Da stand – etwa 15 Meter hoch – ein herrlicher Katamaran in Form eines Rochens, organisch weich geformt, ohne Mast und Flaggstock, die Flügel leicht nach oben gebogen. Ein Schiff auf dem Trockenen ..?!
Ich blickte Diala fragend an, doch sie grinste nur und sagte:
„Das ist eben ein Raumschiff, mit dem man auch über die Meere fahren kann. Es kommt von einem Planeten, auf dem der Anteil Wasser bedeutend höher ist, als auf der Erde.“ Die Fee hob ihre Brauen. „Du brauchst mich nicht so skeptisch anzuschauen; ich habe wirklich nichts damit zu tun.“
„Woher weisst du dann, woher das Schiff kommt?“
„Die drei Wesen, die gleich aussteigen werden, haben es mir mitgeteilt.“
Erst jetzt erkannte ich auf der Backbordseite des Schiffs eine Gangway. In diesem Moment traten drei in Weiss gekleidete Wesen aus dem Schiff und stiegen langsam die Treppe hinunter. Je näher uns die Unbekannten kamen, desto heftiger schlug mein Herz. Ich war derart aufgeregt, dass mein ganzer Körper vibrierte.
Da begann sich mein Blick zu trüben. Das nach Jasmin duftende Bild von einem traumhaft schönen Schiff, in einer grasbewachsenen Talsenke stehend, umgeben von pastellfarbenen Blumenbaumwäldern, die es nirgends auf der Erde gab, löste sich auf ...

Als ich meine Umgebung wieder wahrnahm, sass ich auf dem Rand meines Bettes. Der Mond schien hell durch das breite Fenster auf den blauen Teppich, auf welchem Mikesch in seiner typischen Wonnepose lag: alle Viere von sich gestreckt, die Vorderpfoten angewinkelt. In Gedanken versunken kraulte ich meinem Langhaarkater den Bauch. Mikesch liebte das. Zwei-, dreimal blinzelte er, und schon schnurrte er wohlig, womit er andeutete, dass er soeben im Katzennirwana angelangt war.

22. Reise zu den Sternen, Teil 3

Wir schlenderten Hand in Hand auf einem breiten Weg dem Tal zu. Ich ging wie auf Daunenfedern. Mein Körper fühlte sich viel leichter an, als ich ihn auf der Erde wahrnahm. Auch der von uns aufgewirbelte Staub schien von der Masse des Planeten kaum angezogen zu werden, jedenfalls verursachten wir eine weit sichtbare Staubwolke. Falls hier humanoide Wesen leben sollten, dann würden wir nicht unerkannt bleiben. Das Schöne an der Staubwolke war, dass sie duftete wie Jasminblüten.
Links und rechts des Wegs wuchsen Bäume, die dem Aussehen nach eigentlich grosse Blumen waren. Sie wurden umschwärmt von unzähligen dieser insektenartigen Vögel, die nicht die geringste Angst vor uns zeigten. Ich war erstaunt über die Gegensätze auf dieser Welt: riesenhafte Blumen und daumengrosse Vögel, denen paradiesische Mengen von Nektar zur Verfügung standen.
Ich wollte von Diala wissen, wo sie so lange gewesen war.
„Erinnerst du dich nicht mehr?“, fragte sie, „ich war damals so ausgebrannt, dass ich mir Urlaub nehmen musste.“
„Ach ja, richtig, eine Fee, die Ferien macht. Und? Wo warst du? Côte d’Azur? Mallorca? Seychellen ...? Ich hoffe, du hattest deinen Bikini dabei ...“
Wir blickten uns an und prusteten los. Diala zeigte noch dieselbe kindliche Freude wie vor einem Jahrzehnt, aber auch ihr ernsthafter Forschergeist war ungebrochen; beim Weitergehen gab sie ein Geheimnis preis, das mich zunächst richtiggehend schockierte:
„Ich war im Feenland, in meiner eigentlichen Heimat. Dort geht alles viel einfacher: wenig Schwerkraft, kein Luftdruck, keine festen Köper, in die man hineinprallt, wenn man nicht aufpasst; alles ist dort leichter, noch viel leichter als hier. Ich habe mich rasch erholt und mehrere Expeditionen unternommen. Es ging auch in Gebiete, in denen ich noch nie zuvor gewesen war ...“
Die Fee lächelte mir schelmisch zu.
„Von einer Reise will ich dir erzählen, von einer Reise in eine Welt, die dir gar nicht so fremd sein dürfte: Ich besuchte einen Planeten in dir ...“
Ich begriff überhaupt nicht, auf was sie hinauswollte, deshalb schwieg ich und hörte ihr gebannt zu.
„Es war ein Planet, den die Menschen als Elektron bezeichnen. Dieses Elektron umkreist mit weiteren sieben Elektronen oder eben Planeten eine Sonne, die ihr Sauerstoffatom nennt. Auf diesem Planeten in deinem Innern lebten unzählige Wesen, die derart mit sich selbst beschäftigt waren, dass mich die meisten, denen ich begegnete, nicht wahrnehmen konnten – ähnlich wie auf der Erde. Ja, ich wähnte mich geradezu auf der Erde, auch nachts. Da erschienen am Himmel Millionen von Sternen; es waren die leuchtenden Punkte von unzähligen Atomen, die unendlich weit weg schienen. Ich konnte den Blick von diesem wunderschönen Sternenhimmel nicht abwenden und erschrak plötzlich, als mir in den Sinn kam, dass dieser Kosmos du warst! In dieser Tiefe habe ich noch nie so deutlich erkannt, was Goethe damit meinte, als er schrieb: ‚Im Innern ist ein Universum auch’ ...“
Diala hielt mit Erzählen inne; sie gab mir Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten.
Einmal mehr hatte sie mich mit ihrer Fähigkeit verblüfft, meine Gedanken und Gefühle lesen zu können und Antworten auf Fragen zu geben, die mich gerade beschäftigten. Und einmal mehr machte mich ihre Antwort sprachlos. Wir waren sicher hundert Schritte gegangen, ehe ich auf ihren Reisebericht reagierte:
„Das würde bedeuten, dass die ‚Enterprise’ und ihre Crew im Körper eines riesigen Wesens umherfliegt. Wir Menschen – und auch die Feen – wären unbedeutende Geschöpfe auf einem Elektron in einem unfassbaren lebendigen Organismus.“
„Ja und nein“, präzisierte Diala, "denn es bedeutet auch, dass jeder Mensch Zugang hat zu allen Informationen und kreativen Kräften hinauf oder hinunter auf der Tastatur des unendlich vielfältigen Lebens, so fern er die Grenzen des Ichs überwindet. Und das Samadi-Wurmloch ist ein Schnellzug, um diese Grenzen zu sprengen.“

22. Reise zu den Sternen, Teil 2

Während ich den Bergrücken verliess und in Richtung Tal wanderte, gingen mir die Worte von Hubert durch den Kopf. Wenn es stimmt, dass das Denken, Sprechen und Handeln mit den inneren Erfahrungen und Überzeugungen übereinstimmen musste, um das kosmische Bewusstsein zu erreichen, dann hatte ich noch viel zu tun. Ich war beispielsweise überzeugt, dass jeder negative Gedanke seinen Weg ging und sich mit andern ähnlichen Gedanken zu mächtigen Verbündeten zusammentun konnte. Auch wenn ich grundsätzlich kein Negativdenker war, ertappte ich mich immer wieder beim Fremdgehen in alten Denkmustern. Oder da war die Sache mit der Ehrlichkeit. Eine klare Sache? Weshalb mogelte ich mich dann hie und da durch ein Gespräch?
Nun purzelten mir meine Mankos nur so entgegen: Ich war selten ganz bewusst, war oft alles andere als achtsam, sondern träge, in gewissen Momenten fehlte es mir an Offenheit, und auch mit der Toleranz haperte es gelegentlich; alles Dinge, die ich aus Überzeugung hätte sein oder tun müssen ...
Auf einmal zischte es! Ich erschrak und meine Nackenhaare sträubten sich. Nicht nur, weil ich in Gedanken gewesen war, sondern auch, weil ich diese Art von Zischen kannte und ich mich lange danach gesehnt hatte: Diala! Ja, meine liebe Begleiterin – die Fee, die mich einst gerettet hatte – ging plötzlich leicht und lächelnd neben mir her ...
Auf der „Enterprise“ hatten wir bisher keine Gelegenheit gehabt, uns richtig zu begrüssen. Jetzt nahmen wir uns in die Arme und blieben einige Zeit so stehen, umschwirrt von einem zwitschernden Vogelschwarm und immer mehr Schmetterlingen.
Vor mehr als zehn Jahren hatten wir uns abrupt aus den Augen verloren. Während ihr Gesicht pfirsich-samtig geblieben war, hatte ich einige Falten und durch Operationen auch ein paar Narben zugelegt. Ich sog den Duft ihrer nach Heu riechenden Haare ein und schmolz dahin. Sie hatte sich für mich voll materialisiert. Ihr weicher Körper schmiegte sich an meinen. Da erinnerte ich mich an damals in der Kristallhöhle, als sie einmal begeistert ausrief, wie schön es doch sei, einen festen Körper zu haben.
Dem stimmte ich in diesem Moment wunschlos zu.

22. Reise zu den Sternen, Teil 1

Meine nächste Reise zu den Sternen hielt gleich mehrere Überraschungen für mich bereit. Ich landete nicht auf der Brücke der „Enterprise“, sondern vor einer Hütte in den Bergen, genauer gesagt, in den Bergen auf einem andern Planeten. Die Gebirgslandschaft unterschied sich krass von denjenigen der europäischen Alpen, des Himalajas oder den Höhenzügen in Nord- und Südamerika. Die Formen der Berge ähnelten auf den Kopf gestellten Näpfen; ihre Gipfel waren nicht zugespitzt, sondern flach oder zumindest stark abgerundet. Zwischen den Bergnäpfen machte ich zahlreiche teilweise bewaldete Krater aus. Die Farben des Bodens, der Wälder und des Himmels waren weich, pastellen mit fliessenden Übergängen. Vögel, so klein wie Hummel, schwirrten durch die angenehm warme Luft. Hielt ich ihnen eine Hand hin, dann setzten sich einige darauf, kitzelten meine Handfläche und flogen wieder davon. Auch in meiner Nase kribbelte es; sie fing Duftschwaden von herrlich riechenden Räucherstäbchen ein.
Was für eine Welt!
Ich stand da und staunte. Da hörte ich ein Räuspern hinter mir. Ein Mann war aus dem Berghaus getreten und begrüsste mich mit einem fröhlichen „Hallo!“. Es war ein alter Bekannter: Hubert, der Astronom, der schon vor vielen Jahrzehnten gestorben war.
„Du bist doch derjenige mit der Fee“, sagte er auf mich zukommend.
„Der bin ich. Und du schuldest mir eigentlich noch ein Buch.“
Sein stoppelbärtiges Gesicht musterte mich fragend.
„Ja, richtig, das Buch über Ptolemäus.“
„Nein, über Giordano Bruno.“
„Hm ...“, grübelte Hubert, „... das war gestern, nicht? Ich wollte das Buch herbeischnippen, aber dann lief etwas schief. – Giordano Bruno, sagst du? Warte, ich hole es gleich …”
„Nein!“, rief ich besorgt, „gehst du ins Haus, dann bist du womöglich gleich wieder verschwunden. Das Buch hat ... Zeit ...“
Ich zögerte beim Wort „Zeit“, die für Hubert bedeutungslos sein musste, denn unsere letzte Begegnung fand nicht „gestern“ statt, sondern lag schon über zehn Jahre zurück ...*
„Hubert, ich freue mich sehr, dich wiederzusehen. Dass wir uns treffen, ist kein Zufall. Mich beschäftigt nämlich eine Frage, die mir am ehesten ein Astronom deines Formats beantworten kann.“
In Huberts wässrigen Augen reflektierten sich die Sonnenstrahlen.
„Man hat mir erzählt, dass der Mensch eine Art Miniausgabe des Weltalls sei, ein Kosmos, den man erforschen müsse, dann werde die Raumfahrt durch das All überflüssig. Was sagst du dazu?“
Hubert blickte zum Himmel und verwarf die Hände.
„Habe ich es dir gestern nicht genau erklärt? Ja, und nochmals ja. Was du in dir entdeckst, findest du auch im Weltall. Hier wie dort ist alles belebt, beseelt und miteinander verwoben. Überall im Universum atmet derselbe Geist: wir selbst!“
Hubert ging nach Worten ringend einige Male hin und her.
„Aber was bringts, wenn ich es ständig wiederhole? Nichts! Denn wenn du dich nicht in die Nervenbahnen zwischen dir und dem All einloggst, bleibt es tote Theorie.“
„Dann stimmt das mit dem Samadi-Wurmloch?“
„Natürlich, aber da kommst du nicht rein, bevor du die eigenen inneren Erfahrungen und Überzeugungen mit deinem alltäglichen Denken, Sprechen und Handeln in Übereinstimmung gebracht hast. Für das Samadi-Wurmloch musst du reif sein.“
Aha! Das war es also, was mich daran hinderte, mit der „Enterprise“-Crew in das mysteriöse Objekt einzutauchen, welches Deanna Troi das „Tor zum kosmischen Bewusstsein“ nannte: Ich war noch gar nicht bereit dazu ...
Plötzlich vernahmen wir eine liebliche Frauenstimme aus dem Berghaus: „Hubert! Hubert! Wann kommst du endlich? Das Bad ist bereit ... ich warte ...“
Hubert schaute mich treuherzig an.
„Ich ... ähm ... sollte gehen ... wir sehen uns doch wieder, oder?“
„Ich hoffe es. Aber ich will dich jetzt nicht weiter aufhalten.“
Den Kittel ausziehend, winkte mir Hubert zu. Dann hüpfte er förmlich zur Hütte und verschwand darin ohne zurückzublicken.
Ich wollte mich gerade abwenden, als Hubert halb nackt nochmals in der Tür erschien.
„Und sag Käpten Picard, dass er sich irrt, wenn er meint, die „Enterprise“ sei an Orten im All gewesen, wo noch nie zuvor ein Mensch war ...!“

* Über die seltsame erste Begegnung mit Hubert wird im Buch „Diala“ berichtet.

21. Reise zu den Sternen

Es war eine trübe Herbstnacht, kalt und geheimnisvoll windstill. Erste Schneeflocken fielen vom Himmel, als es mich endlich wieder zu den Sternen zog.
Auf der Brücke der „Enterprise“ angelangt, begrüssten mich alle freudig und herzlich. Es war mir, als wäre ich nach einem längeren Auslandaufenthalt in meine grosse Familie zurückgekehrt. Weil ich befürchtete, die Reise könnte nicht allzu lange dauern, machte ich mich gleich ans Werk. Ich fragte zunächst Data. Doch dieser wehrte ab: „Ich bin eher für technische Probleme zuständig, aber ich denke, Councelor Troi kann ihnen weiterhelfen.“
Die hellfühlige Halbbetazoidin Troi bat mich in ihr Quartier, noch bevor ich meine Frage stellen konnte. Dort bot sie mir etwas zu trinken an. Über den Replikator bestellte sie mir einen Bananenshake. Für sich selbst orderte sie einen Tee mit exotischem Namen.
Wir setzten uns auf die Couch.
„Sie möchten wissen, was im Samadi-Wurmloch mit einem passiert?“
Ich nickte. Ihre grossen schwarzen Augen faszinierten mich wie eh und je – schon damals, als ich die „Enterprise“-Crew nur vom Fernsehen her kannte.
„Nun, es ist das grösste und verrückteste Paradoxon im All, das wir bis heute entdeckt haben. Sobald man in das Wurmloch eintaucht, findet man sich im eigenen inneren Kosmos wieder. Es ist unglaublich!“
Mein Gesichtsausdruck schien nach Erklärungen zu verlangen.
„Sie können mir glauben, dort sieht es ähnlich aus, wie hier im Weltall.“
Sie blickte zum Fenster hinaus.
„Dieselben Weiten, dieselbe schwarze Nacht mit Sternen und Galaxien, dieselbe Ruhe“, ergänzte sie. „Das Samadi-Wurmloch ist die Metro zum inneren Kosmos und gleichzeitig das Tor zum kosmischen Bewusstsein.“
„Ich verstehe nicht ganz. Unser Körper – ein Kosmos ..?“
„Ja, so ist es“, antwortete sie und fuhr sich durch die wallenden lockigen Haare. „Anscheinend besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Mikrokosmos Mensch und dem Makrokosmos All. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Wurmloch haben uns gezeigt, dass es sinnvoll ist, zuerst das All im eigenen Innern zu durchstreifen und darin heimisch zu werden. Von dort aus soll es dann ein Kinderspiel sein, die Sterne innerhalb und ausserhalb unserer Galaxie ohne technische Hilfsmittel zu bereisen, sagen einige, die es schon gemacht haben.“
Während ich versuchte, Trois Aussagen zu ordnen und zu einem Ganzen zusammenzufügen, spürte ich, wie sich mein Körper verfestigte und von der Schwerkraft der Erde anziehen liess. Noch bevor ich mich bei Counselor Troi bedanken konnte, stand ich auf einem Teppich aus Schnee neben unserem Haus. Da ich nur meinen Pyjama trug, flüchtete ich mich schleunigst in das geheizte Haus. Kater Mikesch lag in seinem Langhaarfell weit ausgestreckt neben dem Bett und starrte mich entgeistert an.
Spiegelte sich in meinen Augen noch das Gesicht von Deanna Troi ..?

Zwischenhalt

Die „Enterprise“ war meiner Zeit weit voraus, denn wir Menschen des eben erst begonnenen 21. Jahrhunderts haben noch nicht einmal die planetarische Reife erreicht. Wir sind erst am Anfang der Erkenntnis, dass die Menschen zusammen mit der Erde ein Ganzes bilden und auf Gedeih und Verderben voneinander abhängen. Bei dem Schneckentempo in der spirituellen Entwicklung auf diesem Planeten wird es noch hunderte von Jahren dauern, bis sich das menschliche Bewusstsein auf die Ebene der kosmischen Kommunikation hinaufgeschwungen hat. Dessen war ich mir sicher.
Messbare Erfolge liessen sich am ehesten bei einem selbst überprüfen, aber einfacher war es deswegen noch lange nicht. ¬– War dies etwa der Grund, dass wir Menschen geistig keine oder fast keine Fortschritte zu machen schienen? Weil wir bisher stets von den andern verlangten, dass sie sich verändern sollen, anstatt es selbst zu tun? Und wie war es möglich, dass es schon vor mehreren hundert Jahren hier in Europa Menschen gab, die genau wussten, dass es im All nur so von Leben wimmelt. Zum Beispiel Giordano Bruno: 1592 erklärte er seinen Inquisitoren, dass es neben der uns bekannten Welt unzählige andere belebte Welten gebe. Für Voltaire, den grossen französischen Philosophen und Kämpfer für mehr Toleranz in der Religion war es keine Frage, dass die Sternenwelt mit Wesen übersät ist, die uns weit überlegen sind. Auch die geistigen Tiefseetaucher Teilhard de Chardin und Immanuel Kant waren vom prallen Leben im All überzeugt. Es gibt tausende anderer Philosophen, Schamanen, Seher, Mystiker und Weise beiden Geschlechts und aller Kulturen, die zu allen Zeiten zum gleichen Ergebnis gekommen sind.
Warum, ihr Denker, checken wir das nicht, wir gewöhnlichen Leute? Sind wir einfach zu dumm dazu? Oder sind wir gar nicht für solche „Mätzchen“ zu haben? Es ist doch so: selbst wenn ein ausserirdisches Raumschiff auf dem Roten Platz in Moskau, vor dem Weissen Haus in Washington oder auf dem Bundesplatz in Bern landen würde, wäre dies kaum von Interesse. Zu sehr sind wir von den Bildern aus Hollywood blanchiert und von Alltagsproblemen eingeschlammt. Für die meisten Menschen sind die verblüffenden, fantasievollen Zeichen, die seit Jahrzehnten in Kornfeldern erscheinen, nur Machwerke von Spinnern, die anscheinend den Plausch haben, in stockfinsterer Nacht zum Teil mehrere hundert Meter grosse, hochkomplexe Figuren zu walzen, die wir nicht einmal auf dem Reisbrett hinkriegen.
Nein, wir sind wirklich nicht rief für die Kommunikation mit extraterrestrischen und hyperdimensionalen Geschöpfen.

Immerhin war ich froh zu wissen, dass die Fortsetzung des Star Trek der „Enterprise“ nicht von meiner Fähigkeit abhing, den Sprung in das Samadi-Wurmloch zu schaffen. Anderseits kam es auf mein Geschick an, dass schliesslich die gesamte „Enterprise“-Crew dieses Wurmloch durchqueren und damit die kosmische Reife erlangen würde. Das gab mir zu denken. Weshalb gerade ich?
Aber eigentlich nahm mich mehr wunder, was das Samadi-Wurmloch überhaupt für ein Ding war? War es ein stabiles Element im All oder nur eine temporäre Erscheinung, die eine höhere Macht den Menschen als Mittel zum Zweck zur Verfügung stellte? Und was passierte da drin? Da ich mehrmals zuschauen musste, wie die „Enterprise“ ohne mich im Wurmloch verschwand, sollte es möglich sein, von der Besatzung des Raumschiffs mehr darüber zu erfahren, dachte ich. Doch bevor ich mit dem Recherchieren beginnen konnte, nahmen die Reisen zu den Sternen ein Ende.
Zu jener Zeit schlief ich nächtelang tief und fest, und nichts und niemand weckte mich, um mich abzuholen. Ich hatte damals während Wochen körperlich recht strenge Arbeit zu verrichten: Wegen des fehlenden Regens war unser Quellwasser am Versiegen, und die Suche nach einer neuen Wasserader mit Spitzhacke, Schaufel und Karst war mühsam und von vielen Misserfolgen begleitet. Dazu kam, dass mich mein Beruf extrem beanspruchte. Meine Fühler richteten sich nur noch gegen aussen. Es fehlte mir an Offenheit; an Offenheit gegenüber inneren Vorgängen. Ich war zu sehr mit meinem Körper beschäftigt. Meine Schutzschilde gegenüber feindlichen Angriffen waren unten. Ich liess mir Krankheiten anhängen und Gallensteine wachsen, die höllische Schmerzen verursachten. Schliesslich blieb mir nichts anderes übrig, als den versteinerten Ärger operativ entfernen zu lassen. Danach gelang es mir nach und nach, die Energie zurückzugewinnen und die Schilde neu aufzubauen. Erst dann war ich wieder reisefähig.

20. Reise zu den Sternen

Als ich erwachte und mich aus dem Bett geschält hatte, fiel mein Blick auf das Porzellankamel, das mein kleines Zimmer zierte. Es lächelte mich schelmisch an. Auf seinem Sattel, einer ebenen Fläche, die als Ablage diente, lag das Buch aus dem All ..!
Das Büchlein hiess: „Die Götter des Sirius“; Autor war ein gewisser K. O. Schmidt.
Ich setzte mich auf einen Rattanstuhl und begann sogleich darin zu lesen.
Der es geschrieben hatte, war als Kind auf verschiedene Planeten im Siriusgebiet geführt worden. Dort hatten ihm menschenähnliche Wesen gezeigt, dass sie das Reisen durch das All mit Fahrzeugen längst aufgegeben hatten. Die mit Überlichtgeschwindigkeit gleitenden Raumschiffe ihrer Vorfahren waren zu langsam geworden, um den Kontakt mit Wesen von andern Sternenregionen zu pflegen, geschweige denn, um neue zu knüpfen. An Stelle der konventionellen Raumfahrt war das Sternenreisen durch Geist und Willen getreten. Distanzen und Zeit waren damit bedeutungslos geworden.
In der nächsten Nacht fand ich mich auf der „Enterprise“ wieder.
„Darf ich Sie unter vier Augen sprechen?“, fragte ich Käpten Picard.
„Sicher. Gehen wir in mein Quartier. – Nummer eins, Sie haben die Brücke.“
Aye, Käpten, antwortete Riker und setzte sich auf den Sessel seines Chefs.
„Käpten, könnten Sie sich vorstellen, dass die Raumfahrt keine Zukunft hat, auch nicht mit Warp-Antrieb?“
Picard durchbohrte mich mit seinen Augen. Er erhob sich und zog seinen Dress zurecht.
„Wie kommen Sie darauf?“
Ich erzählte ihm, was im Buch stand, das wir im All aufgegabelt hatten, dass nämlich die Sirius-Wesen mit andern Bewohnern im All geistig kommunizierten, weil das Reisen bei den unmessbaren kosmischen Distanzen auch mit den schnellsten Raumschiffen zu beschwerlich wurde.
„Eigentlich“, begann Picard zögerlich, „sollte diese Erkenntnis noch geheim bleiben – jedenfalls so lange, bis das Experiment gelungen ist.“
„Welches Experiment?“
„Das Eintauchen in das Samadi-Wurmloch. Falls es gelingt, dass die gesamte Crew der ‚Enterprise’, Sie eingeschlossen, beim Eintauchen in das Wurmloch geistig denselben Nenner und damit die kosmische Reife erreicht, dann werden wir alle fähig sein, im All herumzureisen, ohne ein Vehikel benützen zu müssen. Es wäre die bewusste Umsetzung der Quantenphysik auf der Ebene des Individuums mit Auswirkung auf das gesamte Kollektiv, das heisst auf die ganze Menschheit.“
Picard seufzte.
„Es ist unser Auftrag, dies zu erreichen. Ein klarer Auftrag, aber kein einfacher für mich und die Crew.“
„Die volle Konzentration auf den Augenblick des Eintritts ist das Problem, nicht?“
„Nein, das schaffen wir schon – auch Sie … Es ist etwas ganz anderes. Sehen Sie, wenn wir das hinkriegen – und das ist nur eine Frage der Zeit – dann ist es mit dem Star Trek zu Ende. Verstehen Sie? Star Trek ist mein Leben, ist unser Leben. Es gäbe keine nächste Generation mehr, jedenfalls nicht mit Raumschiffen. Wir wären alle Teil eines Kontinuums, in welchem Kommunikation durch Gedankenkraft stattfindet. Für Leute in Ihrem Alter mag das eine neue Herausforderung bedeuten, aber ich bin ein alter Raumfahrer, ein Seebär des kosmischen Meeres.“
Picard trat zum Fenster. Noch nie hatte ich ihn in einer derart melancholischen Stimmung gesehen.
„Käpten, ich versichere Ihnen, nach der ‚Enterprise’ werden noch andere Forschungsschiffe die Erde verlassen; so schnell erreicht die Menschheit die kosmische Reife nicht.“
Während tausende von Sternen vor dem Fenster vorbeiflitzten, war es im Quartier des Käptens mucksmäuschenstill.
Picard wandte sich um. „Sie haben recht“, sagte er nach einer Weile, „bevor man neue Wege gehen kann, muss man die Richtung kennen. Es wird viel Zeit brauchen, bis die meisten sicher sind, wohin und ob sie überhaupt dorthin gelangen wollen. Trägheit und die Furcht vor dem Neuen waren schon immer menschliche Züge, die die Massen vor grossen Schritten abhielten. Seit jeher erforschen Einzelkämpfer die äusseren oder inneren Welten und bereiten die Wege für die andern vor. Wir können uns getrost auf das Abenteuer Samadi-Wurmloch einlassen.“
Er lächelte.
„Und so lange auch Sie noch nicht so weit sind …“
Die letzten Worte des Käptens nahm ich nur noch von Weitem wahr. Ich sass im Pyjama auf der Treppe vor dem Haus. Mich fröstelte. Als ich die Türe öffnete, schoss Kater Mikesch an mir vorbei. Er wusste wieder haargenau, wann er abhauen konnte. Und ich hoffte einmal mehr, dass ihn kein Fuchs auf nächtlicher Jagd erwischen würde.

19. Reise zu den Sternen

Die Begegnung mit Q steckte mir noch in den Knochen, als ich die nächste Reise antrat. Das heisst, eigentlich ging mir Q’s Mahnung nicht mehr aus dem Sinn. Er hatte ja so recht. Wie konnte ich meinen, dass ich kleines Etwas in diesem unermesslichen, zeitlosen und endlosen Raum in ein paar Menschenjährchen alles erkennen und alles verstehen würde ..?
„Unsere Langstreckenscans haben ein unbekanntes Objekt aufgespürt, Käpten“.
Der Androide Data verkündete seine Entdeckung so kühl wie eh und je. Es hätte sich dabei um einen harmlosen Raumfrachter handeln können, aber ebenso um einen gezielten Torpedo.
„Auf den Schirm!“, befahl Picard.
Der Grossmonitor auf der Brücke der „Enterprise“ zeigte eine schwarze Fläche mit hellen Punkten.
„Da ist aber nichts zu sehen, Data“, sagte Riker, der sich aus seinem Stuhl erhoben hatte und sich neben Picard stellte.
„Das Objekt ist extrem klein“, antwortete Data.
„Wie klein?“, wollte der Käpten wissen.
„Genau 13 x 20 Zentimeter, und nur gerade 12 mm dick …“
„Na, dann vergössern Sie mal, Data.“
Auf dem Schirm tauchte etwas Winziges, Viereckiges auf, das sich drehend durch das All bewegte. Aber das Objekt war nicht klar zu erkennen; er war schlicht zu klein.
„Irgendwelche Lebenszeichen oder eine Botschaft“, fragte Riker.
„Negativ.“
Picard blickte zur Schiffsberaterin Deanna Troi, die in ihrem Sessel sass und ihre unsichtbaren Psychofühler ausstreckte.
„Fühlen Sie etwas?“
Sie schüttelte ihre schwarze Lockenmähne: „Nein, da ist nichts.“
„Steuermann, gehen Sie auf Abfangkurs.“
„Aye, Käpten.“
„Data, beamen Sie das Ding rein, sobald wir in Reichweite sind und lassen Sie es auf die Brücke bringen. – Und …“, ergänzte er augenzwinkernd, „sagen Sie bitte O’Brien, er brauche es nicht in Geschenkpapier einzuwickeln …“
Data schaute irritiert in die Runde. Wie üblich hatte er die Floskel nicht verstanden. Alle auf der Brücke grinsten ihn an, als stünde er in Unterhosen vor ihnen. Er liess nur ein simples „hm“ vernehmen und wandte sich wieder seinem Instrumentendesk zu.
Nach einer Weile öffneten sich die Türen des Turbolifts. O’Brien trat auf die Brücke. Wie ein Butler balancierte er den fremden Gegenstand auf einem Silbertablett vor sich her.
„Hier ist es, Käpten“, sprach er. In seiner Stimme war eine gewisse Ratlosigkeit zu spüren. Er räusperte sich und sagte: „Es ist schon so angekommen …“
Councelor Troi, Worf und Riker schauten sich fragend an.
Picard nahm das als Geschenk verpackte Objekt sorgfältig in die Hände. Er zögerte einen Moment, dann blickte er mich eindringlich an.
„Es ist für Sie“, sagte er, ohne eine Mine zu verziehen.
„Für mich ..?“
Ich war völlig perplex. Ein Ding aus dem Weltall für mich ...?
Voller Ehrfurcht nahm ich das Geschenk des Himmels entgegen. Auf dem mit farbigen Clowns bedruckten Verpackungspapier klebte ein gelber Zettel. Darauf stand mit beschwingter Schrift: Für Fabian.
Ich entfernte sachte das Papier, und hervor kam ein kleines Buch mit blauem Umschlag, auf welchem viele weisse Punkte Sternenhaufen und Milchstrassen bildeten. Der Titel des Buches lautete …

In diesem Moment wurde es dunkel um mich herum. Ich stand vor unserem Haus. Die Sterne funkelten und glitzerten wie Kristalle auf schwarzem Samt. Ich ärgerte mich zunächst darüber, dass mir der Buchtitel entgangen war, anderseits war ich glücklich darüber, überhaupt solche Sternenreisen erleben zu dürfen. Wer konnte schon über Ähnliches berichten?
Ich ging in das Haus und gleich ins Bett. Umgeben von Gedanken, dass dieses Geschenk vielleicht etwas mit Diala zu tun hatte und ich das Buch doch noch zu Gesicht bekommen könnte, schlief ich ein.

18. Reise zu den Sternen

Ich wusste nun, was ich zu tun hatte: weg vom Zwang, „es“ erreichen zu müssen. Aber dies war leichter gedacht, als getan. Auch die 18. Reise auf der „Enterprise“ verlief erfolglos für mich, obwohl ich mich von allen selbst auferlegten Vorgaben losgesagt hatte. Meinem Delfin hatte ich diesmal alle Freiheit gelassen. Genützt hatte es nichts. Ich war enttäuscht und stinksauer. Selbst Käpten Picard und Diala konnten mich nicht besänftigen.
Plötzlich blitzte es auf der Brücke des Raumschiffs, und Q, das unbekannte, unfassbare Wesen jenseits allen Verstands, stand breitbeinig vor mir!
„Meint er“, legte Q gleich los und glotzte mich vorwurfsvoll an, „er sei der Einzige in diesem Universum, der sein Ziel nicht auf Anhieb erreiche? – Er schaue hinaus!“
Eingeschüchtert gehorchte ich und blickte auf den Grossbildschirm, der die Sicht voraus ermöglichte. Dort, in der Ferne, erschien eine Art Milchstrasse. Es schien eine Anhäufung von Sternen zu sein, die ein breites Band bildete.
„Vergrössern!“, befahl Q.
Data schaute zu Picard, seinem Chef. Dieser nickte. „Machen Sie’s so“, sagte er und grinste, als würde er sich an eine frühere Episode mit dem unberechenbaren Q erinnern.
Aus den Sternen wurde Köpfe, ein menschlicher Pilgerzug von Menschen aller Kulturen der Erde!
„Was ist das ..?“, fragte ich staunend und verwirrt zugleich.
„Das ist der endlose, die Jahrhunderte durchstreifende Zug von Suchenden auf dem Weg zur Heimat ihrer Seelen“, antwortete Q etwas freundlicher. „Er schaue genau hin! – Näher heran, Data!“, kommandierte er schroff.
Da erkannte ich unter den Unzähligen einige Gesichter, zum Beispiel den Reiseschriftsteller und Mystiker Paul Brunton, den Schamanen Rolling Thunder oder den Morgenlandfahrer Hermann Hesse. Aber nicht nur Verstorbene wanderten in dieser farbenfrohen Menschenschlange. So entdeckte ich Nelson Mandela lachend und Hand in Hand mit Fatima Mernissi, der aufständischen Muslimin. Ihr folgte mit einem Zweig in der Hand die Baumfrau Julia Butterfly. Und gleich dahinter … sah ich mich neben Gene Roddenberry zu uns hinüberzwinkern …!
„Na?“, Q fixierte mich mit seinen dunklen, unnachgiebigen Augen, „möge er mehr Geduld zeigen, sonst fliegt er raus aus dem Jakobsweg des Universums …“
Es blitzte. Q war verschwunden.
„Nehmen Sie wieder Kurs auf das Wurmloch“, sagte der Käpten zu Data, Impulsgeschwindigkeit genügt, ich glaube, wir sollten nichts überstürzen.“
„Aye Käpten!“

Die Umgebung löste sich auf. Ich sass vor unserem Haus und schaute hinauf. Ein winziger leuchtender Punkt zog langsam über den sternenreichen Himmel. Kater Mikesch strich mir schnurrend um die Beine. Er hatte mich in der Dunkelheit problemlos gefunden.
Wie einfach es doch Katzen haben.

Dritte bis 17. Reise zu den Sternen

Was machte ich bloss falsch? Jedes Mal, wenn ich auf die Brücke der „Enterprise“ kam, lief es gleich ab wie beim ersten Mal: Das Samadi-Wurmloch sog das Schiff und alle Insassen, die sich auf diesen Moment konzentriert hatten, hinein. Alle, ausser mich. Mich spuckte das Universum regelmässig auf die Erde zurück.
Mühsam.
Aber auf der 17. Reise geschah etwas Seltsames: Während die gesamte Crew im Wurmloch verschwunden war und ich einmal mehr die „Enterprise“ dahingleiten sah, stand plötzlich der Androide Data neben mir.
„Ich möchte nicht unhöflich wirken, Sir,“ sagte er emotionslos, „aber vielleicht haben Sie bisher nicht bemerkt, dass ihr Delfin keine Kraft mehr hat und Sie deshalb nicht ins Wurmloch hineinziehen kann.“ Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.
„Mein Delfin ..???“, fragte ich irritiert.
„Ja, Sir, Sie setzen ihn zu sehr unter Druck. Sie müssen ihm Zeit lassen oder Last abwerfen ... – Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen nicht weiter behilflich sein kann, aber ich muss zurück aufs Schiff.“
Damit war Commander Data verschwunden, aber im gleichen Augenblick zischte es und Diala sass mir gegenüber in einem kleinen Shuttleschiff, das sich, wie ein Blick zum Cockpitfenster hinaus verriet, gemächlich der Erde näherte.
Sie lächelte.
„Der Delfin, lieber Freund, ist das Zugpferd, dass dich dorthin bringt, wohin du dich sehnst. Auch die ‚Enterprise’ wird von einem Delfin gezogen.“
Während ich die Fee verdattert anstarrte, begriff ich langsam, was Diala und Data meinten.
„Lockere die Zügel. Sprich mit dem Delfin, streichle ihn“, sprach sie sanft weiter. „Er liebt das. So gewinnt er seine Kraft zurück, und du kommst endlich vorwärts.“

Kurz darauf stand ich vor unserem Haus. Es war recht kühl. Meine Uhr zeigte 0.00 Uhr. Über mir waren unzählige Sterne, und die Stille der Nacht erfüllte mich mit Frieden und Wärme.

Zweite Reise zu den Sternen

Als ich ein paar Nächte später wieder auf der „Enterprise“ eintraf, die geschickt als Grosser Wagen getarnt war, setzte Käpten Picard gerade Kurs auf ein so genanntes Samadi-Wurmloch. Ausser dem Androiden Data, der das Schiff steuerte, sassen alle Besatzungsmitglieder an Bord – selbst die Kinder – in einem Stuhl, auf weichen Kissen oder einfach an eine Wand angelehnt und konzentrierten sich auf den Moment des Eintritts.
„Es ist wichtig“, sagte Picard zu mir, „dass sich alle auf diesen Augenblick konzentrieren, dann klappt es, dann erkennen wir es alle gleichzeitig. – Es wird ein wuchtiges, aber unglaubliches und unvergessliches Erlebnis.“
Was er mit „es“ meinte, wollte ich ihn noch fragen, doch Data kam mir zuvor:
„Eintritt ins Wurmloch in dreissig Sekunden, Käpten“.
„Danke“, antwortete Picard. Er schaute gespannt auf den Grossbildschirm. „Sobald wir ins Wurmloch eintauchen, gehen Sie auf Warp 1.“
„Aye, Käpten.“
„Am besten konzentrierst du dich auf die Stelle zwischen den Augenbrauen und auf ein gleichmässiges Atmen“, flüsterte mir Diala zu. Aus früheren Erlebnissen mit der Fee Diala wusste ich, dass ich mich hundertprozentig auf sie verlassen konnte und tat deshalb wie geraten.
„Eintritt … jetzt!“, sagte Data gewohnt cool, dann sog es mich mit gewaltiger Kraft hinein. Das Wurmloch dehnte sich rasch aus, und ich mit ihm. Doch da überkam mich grosse Angst; sie packte und katapultierte mich diskussionslos vom Deck.
Während ich enttäuscht der Erde zuflog, sah ich die Enterprise“ im Wurmloch verschwinden …

Erste Reise zu den Sternen

Schlaflose Nacht. Mitternacht war längst vorbei als ich aus dem Bett hüpfte, den Kater knapp verfehlend, der auf dem blauen Teppich eingerollt schlief. Vermochte etwas frische Luft das mit schweren Gedanken befrachtete Hirn zu durchpusten?
Ich trat vor das Haus. Mein erster Blick ging wie üblich nach oben. Und siehe da: Genau über unserem Haus stand der Grosse Wagen. Auf seiner unendlichen Reise um den Polarstern hatte er ausgerechnet bei uns angehalten. Es kam mir vor, als würde mich die himmlische Droschke zu einer Fahrt einladen. Also stieg ich kurz entschlossen ein.

An Bord traf ich zu meinem grossen Erstaunen Jean-Luc Picard, den Käpten der "Enterprise". Die Tarnung war perfekt gelungen.
Alle waren sie da: Riker, Troi, Data, laForge, Worf und Crusher. Nach einer kurzen Begrüssung blitze die "Enterprise" mit Warp 9 davon. Kaum hatte ich auf dem Stuhl neben Picard Platz genommen, zischte es, als ob jemand eine Bierdose geöffnet hätte, und - welch grosse Freude - da stand Diala auf der Brücke des Raumschiffs!
Die Crew der "Enterprise" schien über Dialas Besuch nicht erstaunt zu sein. Es war ja nicht das erste Mal, dass die "Enterprise" Besuch aus dem Q-Kontinuum oder aus sonst einer finsteren Ecke des Alls bekam.
Diala begann mich sogleich mit Fragen zu bestürmen: Weshalb ich so lange gewartet habe, ob ich mein Ziel klar vor Augen habe und wie lange ich mithalten könne, denn wenn ich in der Konzentration nachliesse, sei die Reise vorbei. -
Und tatsächlich. Kaum hatte sie dies gesagt, begann sich die Weite des Alls zu verengen. Die "Enterprise" ging auf Impulsgeschwindigkeit, und alles um mich herum löste sich auf. Ich sah gerade noch, wie mir Diala und Picard zuwinkten. Wenn ich mich nicht täuschte, hörte ich noch die Worte: "Bis bald ..."

Um was geht es hier?

Dies ist das Logbuch von Fabian, dem Protagonisten im Buch „Diala“ (siehe „Bücher“). Es enthält die geheimen Eintragungen seiner Abenteuer im All, im Alles und Nichts, wohin es ihn schon immer gezogen hat.
Zu seiner grossen Freude trifft er dort auf die verloren geglaubte Freundin, die ihn vor Jahren aus dem Triebsand der Depression herausgezogen hatte, auf die Fee Diala …

script by artmedic webdesign  

nach oben